Rabenmütter und Feministinnen

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Eine Reise nach Linz

24 Stunden Pause von Alltag und Familie und eintauchen in eine andere Stadt, mit anderne Kulturzentren und einem anderen oesterreichischen Akzent. Grund der Reise: „Rabenmütter“ – Die neue Ausstellung im Linzer Lentos. rabenmütter

Am Sujet der Ausstellungsflyer: Eine Mutter, die ihr Kind verschlingt. Ein Sujet, dass in Frankreich für unglaubliches Aufsehen gesorgt hat. Man hat der Künstlerin das Jugenamt auf den Hals gehetzt, hat das Bild abhängen lassen, Inzestopfer haben sich gemeldet und gegen das Bild protestiert. Die Künstlerin brauchte Monate, bis sie wieder halbwegs normal leben konnte. So sehr wurde sie angegriffen. Als ob die Leute heute noch nicht verstanden, dass ein künstlerisches Abbild von Problemzonen, einen Diskurs entfachen soll, aber nicht die Problemzone selber ist. Für mich war das Sujet eines der ausschlagebenden Gründe, warum ich zur Eröffnung fahren wollte.

Rabenmütter und Mutterliebe

Symbiose gehört zu den meistverbreitesten und problematischsten heutzutage Erziehungsfehlern überhaupt. Mütter, und es gibt auch Väter, die so eng mit ihren Kindern sind, dass sie sich in ihnen ausbreiten und dem kindlichen Individuum kein Platz lässt. Hinter ihrer Fürsorge verbirgt sich eine permanente Einmischung und ein ununterbrochenes Entscheidungenabnehmen und dauerndes Abnehmen von Aufgaben, als wäre das Kind selber zu den einfachsten Dingen nicht in der Lage. Es wird abgeholt und hingebracht und beraten und begleitet, gemeinsam geschlafen und mitgeteilt. Das Kind muss jeden Gedanken der Mutter wahrnehmen und teilen, ausser natürlich die Mutter findet temporäre bessere ZuhoererInnen. Dann muss es warten, bis es wieder aktiviert wird. Alles was das Kind tut, wird von der Mutter dramatisiert, damit die Mutter ein Drama machen kann. Die Mutter glaubt, die Gedanken des Kindes lesen zu können obwohl, es nur ihre eignen spiegelt. Es tut alles fürs Kind und in Wahrheit alles für sie selbst. Ja, und für ganz viele Menschen gibt es ein Wort, das dieses Fehlverhalten ganz simpel zusammenfasst: Mutterliebe.

Im Lentos sollten 100 Jahre Mutterschaft mit allen Plusen und Minusen künstlerisch zusammengetragen werden. Am Donnerstag Abend gab es eine lockere nette Führung durch die Ausstellung.

ars elektronika
Das Lentos steht am Donauufer und korrespondiert mit der Ars Electronika auf der anderen Seite

Als erstes machten wir eine lockere Führung durch die Ausstellung, die in verschiedene Kapitel aufgeteilt ist. Mutterliebe, Mutterstoly, Mutterleid….

Zwei Rabenmütter uns sich

Nach der Führung gab es Wein und Gespräche und plötzlich war meine Freundin Albine da, bei der ich schlafen sollte. Anstatt dass ich zu ihr fuhr, holte sie mich aber unangekündigt ab und wir gingen auf ein Bier ins Sputnik und fuhren dann mit ihrem Bus, den sie sich gerade gekauft hat und mit dem sie rumfährt wie so eine Asphaltbraut, in ihre neue Wohnung. Dieses Wochenende zieht sie nämlich mit ihrem Sohn ein in „den Hitlerbau“, wie sie ihre zukünftige Wohnanlage liebevoll nennt. „Ich freue mich schon so darauf im Hitlerbau zu wohnen!“ sagt sie. Dort wohnen zB nämlich auch ihre Schwester und deren Kind.

mutter
Es stehen noch nicht alle Möbel im Hitlerbau
Die Anlage wurde während der Nazizeit gebaut, sieht aber aus wie aus dem 18. Jahrhundert, hat schöne Holzstreppen im Stiegenhaus und fantastische Innenhöfe. Ich verstehe warum sie im Hitlerbau wohnen will.
wohnung
Wir plauderten Einrichtung und fuhren dann in ihre alte Wohnung, wo wir noch Einrichtungsmagazine durchblätterten.
mutter

In der Früh machte sie mir ein unglaubliches Frühstück und dann ging ich zu Fuss zurück ins Lentos. Es gab eine zweite Führung, diesmal mit den Kuratorinnen. Drei gescheite coole Frauen.

lentos

Feminismus und Streit

Danach Vorträge und Diskussionen. Es dauerte 15 Minuten, bis ich mich mit den ersten Frauen im Saal zerstritt. Wenn es um Feminismus geht muss ich fast immer streiten.

Mein Problem ist: Ich sehe keinen Sinn darin gemeinsam zu postulieren und sich gegenseitig zu bestätigen, dass die Politik und die Wirtschaft schuld sind, dass es keine Gleichberechtigung gibt. Ja, wenn ich mit einem ÖVPler streite der noch in den 40er Jahren lebt, schon. Aber wenn ich mich mit lauter linksliberalen Frauen zamsitz, brauch‘ ich nicht die selben Allgemeinplätze tradieren, die man eh schon seit 30 Jahren tradiert und sich dabei revolutionär vorkommen. Dann will ich aktuelle Analysen und neue Gedanken.

Und als dann eine handvoll älterer Feministinnen kamen und sagten: „Warum gibt es heute keine lauten kämpferischen Feministinnen mehr? Warum wollen die Frauen wieder zurück an den Herd? Wofür haben wir in den 70ern gekämpft?“ Da werde ich schon latent angefressen. Aber dann versuchen auch noch die jungen Feministinnen Erklärungen dafür zu finden, warum das so ist, und dann werde ich noch angefressener. Bis dann eine deutsche Schriftstellerin der 68er Generation, Barbara Sichtermann, erklärt, es gäbe keinen Backflash. Das Frau-zurück-an-den-Herd-Modell sei so zerrüttet wie noch nie und nur weil ein paar konservative Stimmung machen, darf man die Stimmungsmache nicht mit einer Sachlage verwechseln. Da war ich etwas erleichert und hab ihr recht gegeben: Natürlich ist es heute besser als damals. Die FeministInnen von damals waren eine kleine Elite. Aber die Allgemeinheit hat ganz normal konservativ weitergelebt. Und die Töchter der Allgemenheit versuchen heute emanzipierter zu leben als ihre Mütter, aber schaffen es halt nicht zu 100% weil sie keine emanzipierten Mütter und Väter daheim haben. Es ist eben sauschwer einen neuen Lebensweg einzuschlagen.

Als ich das gesagt habe, wurden die älteren Feministinnen böse auf mich und wurden laut und sagten, ich könne doch nicht verleugnen, dass die Wirtschaft und die Politik sexisitsch seien etc. und ich sagte: „Nein, das verleugne ich nicht. Darüber habe ich gar nicht geredet. Aber in jedem Fall war auch das früher nicht besser als heute.“ Dann sagten sie, dass sie das besser wüssten als ich. Dann fragte ich: „Warum?“ Dann sagten sie: „Weil wir älter sind und mehr Erfahrungen haben.“ Dann wurde ich auch lauter: „Ich habe auch Erfahrungen gemacht aber andere Erfahrungen als ihr, und wenn ihr immer nur damit argumentiert, dass ihr älter seid und mehr Erfahrungen gemacht habt, dann werd ich noch wahnsinnig mit euch! Was ist das für ein Totschlagargument?!“ Dann sagten sie: „Damals gab es noch Feministinnen, die gekämpft haben.“ Ich: „Heute gibt es auch Feministinnen, die kämpfen.“ Und dann blickte ich durch den Saal und es war allen scheibar ein wenig unangenehm. Niemand nahm Stellung zu unserem Disput. Ich frage mich ob die jungen Feminsitinnen sich irgendwas dazu gedachten haben, aber sich nicht getraut haben was zu sagen, oder ob sie nichts dazu gedacht haben?

Feminismus und Streit Nr 2

In der Pause habe ich mich dann wieder mit einer der älteren Feministinnen versöhnt. Also, erst bin ich allein im Saal gestanden und alle haben mich ignoriert und gemieden und dann ist die eine von den „Erfahrenen“ zu mir gekommen und hat sich mit mir ausgesprochen.

Der zweite Punkt, der mich wahnsinnig macht, kam in den Wortmeldungen in unterschiedlicher Weise auch öfter vor. Nämlich: Dass die Wirtschaft böse ist, und die Frauen natürlich nicht mehr als Halbzeit arbeiten wollen oder gar nicht arbeiten wollen, weil das Leben draußen in der Lohnabhängigkeit nicht verlockend ist und wir endlich eine Welt mit weniger Konkurrenz brauchen. Ich bin ja absolut dafür, dass in der Arbeitswelt aufgeräumt wird. Arbeitsbedingungen müssen verbessert werden. Vor allem psychohygienisch. Weniger Hierachie, mehr Eigenverantwortung. Transparentere Strukturen und mehr gute Laune. Bessere Arbeitsmaterialien und technische Hilfen. Mehr Väterkarenz und Pflegeurlaub durch Väter und bessere Bezahlung für Frauen. Klar. Aber es geht nicht, dass eine Generation von Frauen, deren Müttter nicht oder nur eingeschränkt gearbeitet hat, immer davon spricht, wie hart die Konkurrenz ist und wie schwer das Geldverdienen ist, und eine weiche liebe Wirtschaft will, und nicht reflektiert, dass ihre Wahrnehmung vielleicht aus einer Mutlosigkeit erwächst, eben weil sie wenig Erfahrung im Arbeiten haben und kein arbeitendes weibliches Vorbild daheim hatten.

Natürlich problematisieren Frauen Lohnabhängigkeit und Karrieremachen wenn das ein neues unbekanntes Land für sie ist. Dass Frauen weniger gute Jobs bekommen ist ein Faktum, aber auch dass Frauen, vor allem wenn sie einen Partner haben, weniger oft einen Job als wichtig für ihre Persönlichkeit erachten. Es ist mehr etwas für „nebenbei“ um „dazuzuverdienen“. Sie trauen sich nicht, sich im Job zu beweisen. Um nicht zu versagen, nehmen sie es von Anfang an nicht so ernst. Und da muss frau ein wenig gegenarbeiten. Weil Gleichberechtigung ist für beide Geschlechter nicht nur wellness sondern bedeutet, dass man Kompetenzen erwerben und alte Rechte aufgeben muss. Ich hab daher gesagt: „Ich halt das nicht aus, wenn Frauen so Angst vorm Geldverdienen haben. Sich selber erhalten ist kein per se schlechtes Ziel! Jetzt haben wir es schon in die Unis geschafft und stellen über 50% der Studierenden und jetzt müssen wir raus in die Welt und bissi Kohle machen!“

Da hab ich keinen Applaus bekommen.

rabenmütter
Das Goodiebag vom Lentos inklusive Rabenmutter-Babyflasche. Mehr über die Ausstellung folgt bald!

Schwedische Feministinnen

Interessant im Zusammenhang damit ist die Diskussion in Schweden gerade. FeministInnen kritisieren im Moment die Haltung von Frauen in Betrieben. Sie würden immer in der Gruppe und im Team arbeiten wollen. So wie es beim Frauenlauf nur ums „Dabeisein“ geht. Und wenn dann eine Frau befördert würde, wundern sich die anderen Frauen darüber, warum nicht sie befördert wurden, weil sind wir nicht alle gleich gut? So in der Art: Niemand darf die andere überholen. Männer würden mehr in der Art einer Fussballmanschaft agieren. Jeder bekommt seine Rolle zugeteilt und akzeptiere das dann auch. Der eine ist Verteidiger, der andere Schiedsrichter und der dritte Cheftrainer. Frauen sollten mehr als Individuum agieren und sich nicht so homogenisieren.

Noch ein Gadanke kommt da bei mir hoch. Das Wort „Stutenbissigkeit“. Das kann mir gestohlen bleiben. Ich bin solidarisch mit Frauen, aber ich habe meine eigene Meinung und ich verteidige sie. Auch vor Frauen. Denn wenn ich dazu gezwungen werde, nur ja nicht stutenbissig zu sein, muss ich auch Frauen unterstützen, die konservative Ideale unterstützen oder selber nicht solidarisch sind. Wir Frauen sind keine homogene Gruppe und wir können auch streiten und das ist auch kein Fehler. Und ich streite mit Frauen, genauso wie mit Männern. Und da könnt ihr euch sicher sein: Die Männer werden von mir nicht verschont, nur weil ich auch mit Frauen streite.

Ich hatte heute den Eindruck, dass es auf manche verstörend gewirkt hat, dass ich mich mit der älteren Garde angelegt habe und wir auch durchaus laut geworden sind. Ich habe kein Problem damit, dass die Älteren ein wenig bitchig waren. Ich sehe es fast kritischer, dass sich die Jüngeren nicht eingemischt haben.

Das war ein toller Ausflug inklusive Auseinandersetzung mit Kunst, mit anderen Menschen und einer anderen Stadt und mit einer guten alten Freundin, die auch Mutter ist. Und gelernt habe ich auch: Raben sind ziemlich gute Mütter, die ihre Kinder aus dem Nest werfen damit sie flügge werden und sie dann am Boden auch lieb umsorgen wenn sie es nicht gleich schaffen. So gesehen, sind wir hoffentlich wirklich alle Rabenmütter.

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18 Kommentare

  1. Danke für den interessanten Beitrag! Junge feministinnen, die schweigen, alte die dich verstört ansehen wenn du dich als feministin bezeichnest aber Lippenstift trägst- ich denke hier muss vieles verrückt werden.und dass du Albine kennst, finde ich ja wieder großartig….

  2. @ami glaub auch dass Kinder zur Fähigkeit heterogene Meinungen zu haben und sie auch auszuhalten erzogen werden können. ZB indem man nicht zulässt, dass sie einem immer recht geben, sondern sie fordert einen eigenen Standpunkt zu formulieren. Schon 4jährige können das. (Aber manchmal macht es ihnen einfach Spaß eine gruppenmeinung zu vertreten so lange konsequenzen nicht zu ernst sind).

  3. Im Oktober 2011 veröffentlichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen eine Studie, die sie an 96 Vierjährigen gemacht hatten. Ergebnis: diese Kinder unterstützen mitunter öffentlich selbst dann eine Mehrheitsmeinung, wenn sie sie eigentlich für falsch halten. Die Forscher vermuten grundlegende soziale Erwägungen, etwa den Wunsch, von der Gruppe akzeptiert zu werden.[https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gruppenzwang ich glaub, da ändert sich ab 4 bei den meisten nicht mehr recht viel…

  4. Ja klar. Ich rate mal so ins Blaue, dass dein Freundeskreis ein Stück anders tickt. Verlässt du deine Peergroup, schwupp, bist du in der Realität: 98% Ja- oder NixsagerInnen.

  5. Ist das nicht dauernd so, dass „alle“ rundherum die Bappn halten, wenn es darum geht, sich zu positionieren, Stellung zu nehmen? Die meisten kacken sich an, vor Angst, die „falsche“ zu erwischen. Vermutlich war auch das schon immer gleich.

  6. Es ist und bleibt schwierig. Streiten können und dazu stehen, dass man eine eigene Meinung hat, ist aber eine gute Voraussetzung. Diese Pseudoharmonie, hinter dem Rücken, dann aber der Krieg. Und ich glaube das auch, vorleben ist durch nichts zu ersetzen. Als ich alleinerziehend wurde/war, ich fand kein einziges „Vorbild“ einer künstlerisch erfolgreichen oder auch nur praktizierenden Mutter. Die Väter dazu, gehen meist unbeirrt ihren weg. Anerkennung ist der Schlüssel. Und Frauen erkennen sich oft gegenseitig nicht an, sondern buhlen um den engen Raum, den man ihnen lässt, anstatt Diesen zu vergrößern.

  7. „Ich frage mich ob die jungen Feminsitinnen sich irgendwas dato gedachten haben, aber sich nicht getraut haben was zu sagen, oder ob sie nichts dazu gedacht haben.“

    Laut deinem artikel gab es in dem raum keine jungen feministinnen. In dem raum gab es die kuratorinnen, die 68-er-innen, dich und junge frauen. Keine jungen feministinnen.

    Ich befürchte, feminismus wird mit uns aussterben. Weil die jungen sich nicht als benachteiligt wahrnehmen wollen, sich behaupten anstrengend ist, und aneckende frauen nicht geliebt werden.

  8. Ich sags ja, Frauen in den Vorstand! Scheiss auf weichgespültes gruppenkuscheln! Letztens hat mir wieder eine Frau erklärt die muss spätestens um halb fünf gehen, weil sie zwei Kinder hat. Ja eh, ihr Mann aber auch!
    Was wollt ich sagen? Egal, gut dass ich jetzt lebe und nicht vor 40 Jahren!

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