Journalist Gerhard Tuschla

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Gerhard Tuschla ist eine Art Legende in der Fernsehbranche. Viele Jahrzehnte hat er unter harten Bedingungen Fernsehen gemacht, manchmal als freier Redakteur, manchmal als Produzent. Der Journalist hat in der unbarmherzigen Welt des Boulevard-Journalismus gewerkt, wie auch Reportagen direkt aus Krisengebieten geliefert.

Ein Porträt

Gerhard Tuschla kennt die Fernsehbranche aus allen Blickwinkeln.Er war angestellt, freier Redakteur und Produzent. Er hat kurze, lange, unterhaltsame und ernsthafte Beiträge gemacht. Er hatte auch Verträge mit großen deutschen Fernsehsendern. Eigentlich eine tolle Sache, sollte man meinen. Aber er mußte erkennen , dass die großen Sender zwar gewagte Geschichten exklusiv einfordern aber ihrerseits keine exklusive Auslastung zusichern.
Freie RedakteurInnen, wie Gerhard Tuschla, sind immer auf sich gestellt. “Dreh nur für uns!” bedeutet nicht: “Wir geben dir genug Geschichten zum Überleben.”
Oder folgende Aussage: “Mach Überstunden, damit wir möglichst gutes Material erhalten” bedeutet nicht: “Wir zahlen dir die Mehrkosten.”
Seine Devise lautet:„The devil never sleeps“. So heißt auch seine Facebookseite, auf der er über seine Auslandseinsätze schreibt.

porträt Wie arbeitet ein TV – Journalist in Österreich?

Freie FernsehmacherInnen sind Einzelpersonen, die es gewohnt sind 24h am Tag flexibel einsetzbar zu sein.

Sie müssen andauernd auf der Suche nach “Geschichten” sein, damit die ChefredakteurInnen genug Content haben und nicht selber suchen müssen. Sie brauchen ein gutes Netzwerk an unterschiedlichsten Kontakten in alle Schichten und Sparten um schnell gute Beiträge gestalten zu können. Sie können schreiben, gestalten, organisieren, sind geneigt Risikos einzugehen, und müssen oft Durststrecken durchtauchen, in denen sie nichts verdienen.Daher gilt: Wenn ein Auftrag kommt, dann macht man ihn. Auch wenn man keine Lust hat oder der Verdienst im Verhältnis zum Aufwand schlecht ist.

Gerhard Tuschla bekam Aufträge wie: “Bring uns einen OT von einem Angehörigen des Opfers” oder man sandte ihn zu Society-Events mit forderte: “Frag Brigitte Nielseon ob sie es schon so schlecht bestellt hat, dass sie für Billigsdorferprodukte werben muss.”

Journalismus ist kein Beruf sondern Berufung

Niemand erledigt solche Aufgaben gerne. Auch ein alter Boulevard-Hase nicht. Für viele hört sich das unwürdig und menschenverachtend an. Aber Journalismus muss jene Fragen stellen, die auch den ZuseherInnen im Kopf herumgeistern. Warum macht Birgitt Nielsen diese Auftritte? Hat sie kein Geld mehr? Wer sind die Angehörigen der Opfer? Menschen wie du und ich? Wie reagieren sie auf den Schmerz? Wie würde ich reagieren? Journalismus bildet die Realität ab, testet Stereotypien auf ihren Wahrheitsgehalt und bietet Identifikationsräume. In allen Themensparten und Lebenslagen. Es kann nie vorausgesehen werden, was bei Dreharbeiten rauskommen wird. Daher kann man auch schwer pauschal behaupten, dass bestimmte Aufträge nicht “durchführbar” wären, weil sie bspw. “unmoralisch” seien. Vielleicht fühlt sich ein Angehöriger in seiner Trauer wahrgenommen, wenn man ihn um ein Interview bittet? Vielleicht gibt es etwas was diese Person der Öffentlichkeit mitteilen will? Heikle Fragen führen nicht immer zu reißerischen Antworten. Angehörige können wichtige Zeitzeugen unserer kollektiven Geschichtserinnerung werden. Und Brigitte Nielsen fängt auf die unverschämte Frage nach ihrem gesunkenen Marktwert vielleicht zu lachen an und meint, gerade weil es ihr finanziell so gut ginge, könne sie es sich leisten für eine Freundin ein wenig Gratis-PR zu machen.

Ein Journalist arbeitet prekär, prekär, prekär

porträt journalistFreie FernsehredakteurInnen arbeiten meist unter prekären Bedingungen. Die Auftragslage ändert sich jedes Monat. Vorplanen ist schwierig. Man kann in einer Woche einen 5-Minuten-Beitrag in Auftrag bekommen, der ein paar Tage später auf 3 Minuten runtergekürzt wird. Es wird eine Kurzdokumentation bestellt und ohne Vorwarnung wieder abbestellt. Beim Fernsehen wird abhängig von der Länge des Beitrags bezahlt. Meist liegt der Satz zwischen 95€ und in Ausnahmefällen bei 160€ pro Minute. Ein 3-Minuten-Beitrag bringt dem/der RedakteurIn also ca. 300 bis 400€ brutto. Netto sind das 150€ bis 200€. Jeder Beitrag muss akquiriert und dann recherchiert werden, es müssen Interviewpartner und Drehorte aufgestellt, dann gedreht und das Material nachher gesichtet werden. Danach folgt der Schnitt, dann die Abnahme durch den oder der ChefIn vom Dienst und vielleicht folgt darauf ein Umschnitt. Der Sprechertext muss angepasst, dann in der Mischung eingesprochen, danach die Schnitt- und Rechteliste verfasst werden. Erst dann kann der Journalist eine Honorarnote stellen.

Neben der Arbeit an Beiträgen und Dokumentationen, wird also permanent akquiriert. Man schickt Vorschläge an ChefredakteurInnen, recherchiert, schreibt Film-Konzepte und verschickt sie. Man muss über die Jahre nicht nur ein Netzwerk an InformantInnen, sondern auch Kontakte in viele Redaktionen aufbauen, um viele Beiträge verkaufen zu können. Gerhard Tuschla hat sich jahrelang durch dieses Fernsehbusiness-Dickicht gekämpft und nach Beiträgen gejagt.

Ein Porträt des Henkers von Bagdad

In seinem Berufsleben hat er 14 Kriege miterlebt. Er hat in Libyen über den Irak bis hin zum Kosovo gedreht. War bei Katastrophen wie dem Tsunami in Thailand oder der SARS Infektion in Hongkong dabei. 1992 reiste er nach Tschernobyl und wanderte exklusiv mit einem Geigenzähler durch das Gelände.Der Reaktor war mit brüchigem Material versiegelt worden aber die Strahlung konnte natürlich so nicht abgeschirmt werden.Der Zähler gab einen Dauerton von sich.

Gerhard Tuschla: „ Wodka ist gut gegen Radioaktivität war damals die Devise der Arbeiter in Tschernobyl. Ich hatte reichlich davon und glaube nun auch daran.“

Wenn man im mittleren Osten arbeitet, braucht man Mittelsmänner, die einem den Weg zeigen, Interviews übersetzen und vor unerwarteten Gefahren warnen. Solche Mittelsmänner nennt man Stringer. Gleich nach der Ankunft wird nach geeigneten Stringern gesucht, die leistbar und zuverlässig sind. Eine 100% Sicherheit, dass man auf den richtigen Mann setzt, gibt es nicht.

Gerhard Tuschla: “Ein guter Stringer oder Fixer, wie man sagt, ist unerlässlich.Oft war vor einem schon die BBC in der Gegend und die BBC hat Geld. Sie zahlt einem Stringer bald mal 600€. Wenn man dann als freier Produzent aus Österreich kommt und nur eine vage Zusage vom ORF hat, dass sie einem ein paar Sendeminuten abkaufen werden, kann man nicht das grosse Geld am Tisch legen.”

Gerhard Tuschla hat bis jetzt immer Glück gehabt.Über einen seiner Stringer konnte er sogar den Henker von Saddam Hussein ausfindig machen und das Interview weltweit verkaufen. Ein anderes Mal fand er einen Mann der unter Saddam Hussein im Gefängnis gesessen war. Er zeigte ihm die Zelle in der er 15 Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Gerhard Tuschla: “Sie war maximal 4 x 4 meter groß und wurde von 80 Gefangenen belegt. Abwechselt mußten 40 Gefangene am Boden schlafen währen die anderen standen. Nach 4 Stunden dann der Wechsel. Eine Tortur der besonders grauslichen Art.“

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Foto: Patrice Fuchs

Akquise und Verkauf von Fernsehbeiträgen

Gerhard hat von der schwarzen Witwe Blauensteiner, über dem Ausbruch von Ebola in Uganda oder dem letzten Freistilringer-Turnier am Heumarkt berichtet. Über 500 Beiträge finden sich im ORF Archiv. Und viele weitere in den Archiven des RTL, Fokus TV oder Spiegel TV.

Seine nächste Reise führt ihn, wie schon so oft, zur PKK. Die ehemals terroristische Bewegung strebt heute eine basisdemokratische Autonomie in jenen Gebieten an, in denen überwiegend KurdInnen leben, unabhängig von Staatsgebiet. Ein eigenständiges Kurdistan ist nicht mehr das politische Ziel.

Als er letztes Mal im Herzen der PKK filmte, interviewte er den Nachfolger von Öcalan, der mit 20köpfiger Leibgarde auftauchte. Ausserdem durfte der Journalist dem Training der Frauenkampftruppe bewohnen.Übungsmunition wurde von den Soldatinnen auch bei den Kampfübungen vor der Filmkamera nicht verwendet.

Über den Verkauf des Drehs an Fernsehsender sagt Gerhard:

“Der Vertrieb der Doku war dann wieder eine Bestätigung wie in den TV Sender mit der PKK umgegangen wird. Spiegel TV lud mich ein den Beitrag exklusiv für Deutschland bei ihnen in Hamburg zu gestalten und versprach ihn auch zu senden. Nach der positiven Abnahme und während ich den Text dazu schrieb kam ein überraschender Anruf der Sendungsverantwortlichen sie würden es doch nicht senden. Keine Angaben von Gründen nur einfach so – nein. Der ORF wie immer auf Bettlertour unterwegs lies mich zwar eine Geschichte über die PKK Anhänger in Wien gestalten für das Exklusivmaterial aus den Kandil Bergen bot aber die Einkaufsabteilung gerade mal 200 Euro an. Erst die englische Agentur Journeyman Pictures, eine Agentur für Freelancer, verkaufte den Beitrag mehrmals unter anderem an Channel 4 und den ARD Weltspiegel.”

Im Syrienkrieg hat die PKK intensiv gegen den IS gekämpft und im Zuge dessen ein paar hundert IS-Kämpfer gefangen genommen. Nun kristallisiert sich die Frage heraus: Wohin mit ihnen? Was soll mit ihnen passieren? Niemand scheint sie zurückhaben zu wollen.Gleichzeitig kostet ihre Unterbringung und Verpflegung viel zu viel, als dass man sie ohne weiteres auf Dauer behalten kann.

Gerhard Tuschla wurde zugesichert, dass er das IS-Gefangenenlager der PKK filmen dürfe.Mal sehen, wie er das Material an den Mann bringt.

Brigitte Nielsen antwortete übrigens nicht mit einem entspannten Lachen auf Gerhards Frage.Sie „zuckte“ vor laufender Kamera aus und beschimpfte ihn aufs Ärgste.Das Material kam beim deutschen Sender sehr gut an.Der Minutensatz wurde deswegen aber nicht erhöht.

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