Alfred Adler und der Minderwertigkeitskomplex

0
Alfred Adler

Der große Wiener Psychotherapeut Alfred Adler hat bereits in den 20er Jahren die Basis jeder modernen Psychotherapie geliefert. Trotzdem ist er heute so gut wie vergessen. Kaum wer kennt seinen Namen. Den Begriff Minderwertigkeitskomplex kennt hingegen die ganze Welt.

Alfred Adler war bis 1911 Vorsitzender der psychoanalytischen Vereinigung. Zwischen Alfred Adler und Sigmund Freud entwickelte sich eine Konkurrenzsituation, die einerseits inhaltliche Gründe hatte und andererseits auch in ihrem jeweiligen Geltungsbedürfnis begründet lag.

Nach seinem Ausschluss aus der psychoanalytischen Vereinigung gründete er den Verein für Individualpsychologie.

Dokumentation über Alfred Adler

Von der Vorstadt in die Stadtregierung

Adler wuchs ganz anders auf, als Sigmund Freud. Er stammt aus der Vorstadt und war als Bub mit Freunden in der G´stätten unterwegs. Eine freie, wilde Kindheit. Er kannte die Arbeiterschicht aus der Nähe und ihm lag nicht viel an der Anerkennung durch das Grossbürgertum. Sein Vater war ein wenig erfolgreicher Getreidehändler und die Mutter emotional schwer zugänglich. Adler empfand sie als kühl und ungerecht.

Im Gegensatz zu Freud, liebte Adler den modernen Fortschritt. Er ging gerne ins Kino und lernte mit 50 Jahren Autofahren. Er behandelte viele arme Menschen und wollte möglichst schnell möglichst vielen Menschen helfen.

Trotzdem seiner einfachen Herkunft wurde er einer der wichtigsten politischen Köpfe der ersten österreichischen Republik. Er arbeitete mit seinen Individualpsychologen am ersten Jugendstrafrecht, am Schulsystem und der Jugendwohlfahrt mit.

Selbstwert und Soziales

Sein Blick auf das Leiden der Menschen richtete sich weniger auf den Sexualtrieb und der Kindheitsanalyse und mehr auf den Selbstwert und dem sozialen Miteinander. Die Beschäftigung mit dem eigenen Leid mache nicht nachhaltig glücklich. Man müsse Neurotiker von sich selbst ablenken und ermutigen, sich über die Mitmenschen Gedanken zu machen. Wer anderen helfe und sich bemühe gemeinsame Ziele kooperativ zu erreichen, würde glücklicher werden, als wer nur den eigenen Vorteil suche.

Dazu müsse der Mensch einsehen, welche inneren Haltungen dazu führten, dass er Entscheidungen fällt und ein Verhalten an den Tag legt, das im Moment komfortabel scheinen, aber sich auf längere Sicht nachteilig auf sein Leben auswirken. Um diese Einsichten zu erreichen, schaut sich Adler die Familienkonstellation, Geschwisterreihe und Lebenssituation der PatientInnen an, aber er ist nicht der Meinung, dass eine minutiöse Analyse der Kindheitsjahre notwendig sei. Man kann auch in der Gegenwart mit dem bewussten Willen der Patienten viel erreichen: “Der Mensch weiß mehr, als er versteht.” war er überzeugt.

Er glaubte auch nicht an die Aufteilung des Menschen in ein Ich, Über-Ich und Es. Der Mensch sei ein ganzheitliches Individuum und das meiste ist ihm bewusst oder vorbewusst. Aber für manche Erinnerungen und Gefühle fehlen ihm Worte und Bilder, um sie einzuordnen, weil diese als Kind erlebt und nicht verstanden wurden. Er arbeitete daher oft mit Metaphern und Geschichten, die von der Dynamik her der Problematik des Patienten ähnelten. Diese erzählte er ihnen um den Patienten kleine Anstöße zu geben, damit sie leichter um ihre eigene Problematik einen Bedeutungsrahmen bauen konnten.

Die PatientInnen verstehen

Das wichtigste für individualpsychologischen TherapeutInnen ist es sehr schnell ein Gefühl für die PatientInnen zu bekommen. Wie sieht ihre Persönlichkeitsdynamik aus? Nur so könne man die Aussagen und Handlungen der PatientInnen schnell verstehen und in ein ganzheitliches Bild setzen. Dazu erschuf er ein psychisches Koordinatensystem, dass sehr praktikabel anwendbar ist.

Dazu müssen man 2 Dynamiken bei den PatientInnen erkennen:

Leitlinie und Lebensstil

Die Leitlinie ist gleich einem Ideal, dass der Mensch anstrebt. Jeder Mensch hat eine oder mehrere Leitlinien.

Man kann ihr bei sich selbst gut auf die Schliche kommen, wenn man sich fragt: Was wäre ich gerne, würde mich aber genieren es anderen mitzuteilen? Die Leitlinie ist nämlich immer sehr idealisiert und daher kann sie “peinlich” rüberkommen, wenn man sie formuliert. Und deswegen, kriegen wir selbst oft nicht mit, was unsere Leitlinie ist, weil wir sie auch uns selber gegenüber ungern eingestehen. Aber wir haben sie alle in uns: Es kann sein, dass wir uns insgeheim für unvergleichlich schön halten, uns wünschen LebensretterIn zu sein, besonders von Gott geliebt zu werden oder das Kind eines magischen Elternteils zu sein etc. etc. Diese innere Leitlinie beeinflusst unser Urteilsvermögen und unsere Entscheidungen.

Der Lebensstil ist das Verhalten und die Haltung durch die wir mit den großen Lebensaufgaben umgehen. Laut Adler sind das Liebe, Leben, Leistung. Sprich: Liebe, Soziales und Arbeit. Sind wir gerne tüchtig oder eher vermeidend oder wollen unterschätzen wir unsere Leistung? Fällt es uns leicht, jemanden zum Lieben zu finden, oder liegen unsere Ansprüche zu hoch oder sind wir gar zu zaudernd? Gehen wir nach dem Äusseren oder interessieren wir uns wirklich für andere Menschen? Wie zuverlässig sind wir als FreundIn und wie gute FreundInnen haben wir selber?

Das Leitbild gibt Aufschluss darüber, was dem Menschen wichtig ist, wohin er oder sie sich bewegt, wo er oder sie verletzlich ist und und wie er oder sie zur Menschheit steht. Der Lebensstil gibt Aufschluss darüber, wie er sein Leitbild umzusetzen versucht, wie er oder sie Probleme löst und Ziele verfolgt. Welche Strategien wendet er oder sie an?

Adler meint, wenn ein Patient in der ersten Therapiestunde meint, er wolle durch die Therapie seinem Ziel näher kommen, eine glückliche romantische Beziehung einzugehen, kann er davon ausgehen, dass sein Lebenstil ihm genau das vereitelt. Er will gerade eines vermeiden: Mit einer Frau intim und persönlich zu werden. Denn es fehlt ihm der Mut, sonst wäre ihm das Kunststück ja längst gelungen.

Es gehe in der Therapie daher immer darum dort zu ermutigen, wo die PatientInnen keinen guten Selbstwert haben. Welchen Erfahrungen sind sie immer eher aus dem Weg gegangen? Wenn jemand Probleme immer mit Aggression gelöst hat, muss er ermutigt werden eine Problemsituation anders zu lösen: Um Hilfe bitten oder Schwäche zeigen. Wenn jemand insgesamt unglücklich ist und dem Leben negativ gegenüber steht, stellt Adler oft fest, dass diejenige Person noch zu abhängig von den Eltern ist und noch nicht die Erfahrung gemacht hat, sich selbst im Leben zu erhalten und unabhängig zu sein. Diese Person muss ermutigt werden, sich abzunabeln und das Leben selber zu meistern.

Minderwertigkeitskomplex und Kompensation

Daher ist der Begriff Minderwertigkeitskomplex und Kompensation bei Adler so wichtig: Wir versuchen alle Situationen zu vermeiden, in denen wir uns minderwertig fühlen. Das sind zumeist Situationen, die uns abwerten bzw. in denen wir uns nicht erfahren und sicher fühlen. Um das Minderwertigkeitsgefühl nicht erleben zu müssen, überspielen wir es, verhalten uns stereotyp, laut oder leise, machen alles um die Minderwertigkeit zu kaschieren. Dies sei für die Entwicklung der Menschen und der Menschheit nicht nützlich, meint Adler. Es sei besser das Minderwertigkeitsgefühl zuzulassen und zu erkennen, wo wir mehr Erprobung und Ermutigung wir brauchen.

Alfred Adlers Vermächtnis

Außerdem war Adler der erste, der Patienten im Sitzen behandelte. Therapie auf Augenhöhe. Er lieferte die ersten psychosomatischen Erkenntnisse und lieferte erste Ansätze zur Sozialarbeit.

Und er war politisch aktiv. Als Sozialdemokrat organisierte er die Jugendwohlfahrt in Wien mit. Über 100 Elternberatungsstellen eröffnete er in hier. Er war fest davon überzeugt, dass man eine bessere kooperativere Gesellschaft bauen könne, wenn man bei den Kindern ansetzt. Denn die Behandlung von Erwachsenen sei weit weniger aussichtsreich, als wenn man Kinder schon früh auf den richtigen Weg helfe. Vor allem in der Schule sollten sie soziales Interesse erlernen und mit den LehrerInnen kooperativ arbeiten lernen. Er hielt nichts von hierarchischen Schulsystemen. Die Kinder müssten nach dem Prinzip “Die Pflicht des Stärkeren” erzogen werden. Wer mehr kann, hilft den anderen.

Adler gehörte in den 20er Jahren zu den berühmtesten Psychotherapeuten und PädagogInnen der Welt. Zu seinen Vorträgen strömten die Menschen. Heute ist sein Name verblasst. Aber seine Lehre ist in den meisten therapeutischen Schulen gesickert.


Please follow and like us:
error
Share.

About Author

Avatar

Leave A Reply

error

Enjoy this blog? Please spread the word :)