Pyjamaparty, Ich bin bereit! – Gemma, Geht scho, Vollgas!

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trackshitters

Unsere Kinder feiern Pyjamaparty vorm Fernseher und schauen gebannt Lukas Plöchl beim Vollgasen auf der Bühne von `Helden von Morgen’ zu. Jedes Wort und jeden Tanzschritt können sie auswendig (`Quetsch die Luft in der Luftquetschen!’). Mein Mann, der Soul-Connaisseur, sitzt daneben auf dem Sofa und greift sich verzweifelt an den Kopf. Seine 4000 Soulplatten (allesamt feinste 80:er-Ware) im Nebenzimmer stinken vollkommen ab, wenn die Kinder nur was zum Gröhlen und Reimen vorgesetzt bekommen. Und damit steht wohl jetzt schon fest, wer die Helden von heute sind: Trackshitters, Skero und Co. Von Patrice Fuchs

Link zu  Kabinenparty von Skero feat. Joyce Munic

Der Untergang Österreichs als altehrwürdige Musiknation ist wohl besiegelt

Ob in 15 Jahren noch irgendjemand zwischen zwanzig und vierzig in die Oper gehen wird, ist sehr fraglich. Mozarts Requiem gibt es dann wohl statt auf der Orgel im Stephansdom, nur mehr in der Eurotrash-Version im Prater-Dom.

Zwischen Oma-Opa-Musik und dem heutigen Trashpop gähnt in der österreichischen Kulturgeschichte ein großes Loch. Es hat sich bei uns eigentlich nie eine richtige Popkultur entwickelt. Während die Briten, die Italiener oder die Schweden seit den 70:er Jahren Populärmusik in die Alltagkultur integrierten und seither Welthits am laufenden Band produzieren, wuchsen die meisten heute 30jährigen in Österreich mit Eltern auf, die die Zillertaler Schürzenjäger und Julio Iglesias für das Größte halten. Während man in London sogar  im Kaufhaus immer schon feinsten Soul spielte, und Schweden schon in den 60er Jahren eines der führensten Jazznationen der Welt war, gedeiht bei uns bis heute immer noch einzig und allein die Schlagerszene. Der innovativste österreichische Pop-Export der letzten Jahre hieß folgerichtig DJ Ötzi.

Workingclassheros

Mit Aufkommen der Krocherkultur war sich Medien- Österreich einig: DAS hat keine Kultur. Die Krocher wurden zur großen Lachnummer des Feuilletons und aller, die sich gerne intellektuell über andere erheben.

Dabei muss klar sein, dass auch heute noch Menschen ohne Matura die österreichische Mehrheitsbevölkerung stellen, und dass deren Kinder mit einem Schwanensee-Remix von Kruder Dorfmeister wenig anfangen können. Die Krocher waren aber mehr, als nur ein paar Burschen und Mädls mit Neonkapperln, die lächerlich am Gehsteig herumhüfpften. Abseits der medialen Öffentlichkeit entwickelten sie über Jahre ihr ganz eigenes Lebensgefühl, ihren eignen  Modestil und vor allem ihren eigenen Tanz, der in intensiven Trainingseinheiten immer weiter perfektioniert wurde. Man traf sich im öffentlichen Raum, am Liebsten vor Einkaufszentren, um sich gegenseitig die Choreografien vorzuführen nicht unähnlich den Breakdancern in den 80er Jahren (und auch über deren Kleiderstil wurde damals viel gelacht). Aus Ermangelung an interessiertem Publikum vor Ort, wurden die Darbietungen mit dem Handy aufgenommen, geschnitten und auf You Tube der strengen Bewertung anderer Krocher unterzogen. Die Krocherkultur war die erste nicht kommerzielle Jugendbewegung seit Techno.

Durch neue Medien und vor allem durch soziale Medien konnten sich eben auch vermehrt Jungs und Mädls aus weniger betuchten Elternhäusern jugendkulturell hervortun. Sie sind mit Schlagermusik und Hitparade aufgewachsen, sprechen ihren eigenen Slang und halten nichts von implizierten Botschaften. Das muss keinen Krocher-Sound ergeben, aber eine Anna F. oder Soap and Skin schauen dabei nun wirklich nicht heraus.

Geht scho. Gemma Voigas

Die etablierte heimische Pop-Szene stellt also nicht mehr die Pop-Leitkultur. Die  `neuen Helden’  sind keine Kinder des Bürgertums, die von den Eltern mit Macs und Grooveboxen ausgestattet wurden um sich mäßig phantasievolle elektronische Beats aus dem Ärmel zu schütteln und sich gegenseitig zu hochzufeaturen. Es sind eben Leute aus der unteren Mittelschicht, die mit sehr viel Disziplin an ihren Texten und Beats feilen, um für ihre Peergroup die perfekten Popsongs zu basteln.

So entstand letztes Jahr der Partyhit vom Brunnenmarkt: Party Party Disco Disco der Formation Discoparty-Brothers. Vor allem bei den Pyjamaparty-Zwergen sehr beliebt. Nicht zu letzt wegen der eingängigen Textzeile: `You say Party. I say Disco. Party Party. Disco Disco.’ Der Song kann nicht viel, aber er bleibt hängen und bedient das Bedürfnis nach bedeutungsunschwangerem Slang und guter Laune.

 

Und endlich kommt auch der österreichischen HipHop-Szene ein Ansatz an Ehre zu. Bislang galten ihre Reime und Beats als zu brachial und proletoid, um mit den unterkühlten Kunsthochschulen-Lifestyle der Elektroniker konkurrieren zu können.

Wobei die HipHop-Szene natürlich ihrerseits mit Krocher und Bauern-Pop nicht in einen Topf geworfen  werden will. Man kommt ja doch aus unterschiedlichen musikalischen Sozialisationen. Dass es aber immer wieder zu einem strukturellen Austausch der Genres kommt, ist nicht zu negieren.

Legendär die Krocher-Persiflage Krocher Hymne der HipHop-Gruppe `Die Vamummten’. Ihr Song nimmt Krocher zwar auf die Schaufel, aber es wurde trotzdem zu etwas  Ähnlichem wie eine echte Krocher Hymne.

Die Vamummtn – Vammumtn Krocha Hymne

Skero, der Mann hinter dem Sommerhit Kabinenparty (nicht Pyjamaparty!) findet Aloan bam Fraunz eher `gähn’, aber trotzdem war es kein Zufall, dass der ORF gerade Lukas Plöchl auf der Helden-Bühne Kabinenparty interpretieren ließ. Die Coverversion fand Skero `a bissal steif aber er hat sich bemüht’. Eine Zusammenarbeit mit dem oberösterreichischen Landwirten kann er sich aber nicht vorstellen.

Neue Typen braucht das Land

`Helden von Morgen’ dürfte das richtige Format sein, um einer neuen unprätenziösen und derweil noch sehr selbstbestimmten österreichischen Musikszene einen ordentlichen Boost zu versetzen.

Die jungen Talente dürfen nämlich im Gegensatz zu `Starmania’ bei diesem Castingformat ihrem Musikstil treu bleiben. Wer ein Rapper ist, darf rappen, wer ein Eurotrasher ist, darf eurotrashen.

Und es lohnt sich offenbar. Wenn man die Zügel ein wenig locker lässt, und die Jungen machen lässt, kommt was dabei raus, was zumindest die anderen Jungen mögen. Welcher österreichische Popstar erreichte in den letzten Jahren über 500.000 Hits auf Youtube? Aloan bam Fraunz brauchte dazu nur wenige Wochen.

Trackshittaz – Alloa bam Fraunz

Noch nie waren die TeilnehmerInnen einer ORF-Show so rotzig und eigenmächtig wie bei `Helden von Morgen’. Emo-Popröhrchen Silvija will weder auf Deutsch singen noch sich von Christina Stürmer coachen (OT:`Das wär oarsch’) lassen, Lockentrotzkopf Chris verweigert die Mitarbeit teilweise total und bleibt, genauso wie Nervensäge   und Anti-Tanztalent Sabrina wochenlang  in der Show, obwohl beide ganz offensichtlich nicht singen können.

Sie haben allesamt etwas, wovon Weichspül-Star Tschuggnall zu wenig hatte: Nämlich Charakter. Und das hat heute Marktwert: Wer eine richtige Type ist, kann weiter kommen, als ein Supertalent.

Und das ist nicht unbedingt schlecht. Die Jungen brauchen Identifikationsfiguren, die zeigen, dass man Selbstvertrauen haben darf, auch wenn man kein Hochbegabter  ist oder aus priviligiertem Eltenhaus stammt. Im Alpenstaat gibt es noch hohen Bedarf an Rock`n Roll.

Schade, finden sicher viele, dass  Lukas Plöchl kein zweiter Ostbahn-Kurti ist, oder dass sich Skero mit Kabinenparty mal eben vom  politisch korrekten solzialkritischen  Texta-Rap vertschüsst hat.

kabinenpartySkero – Kabinenparty, nicht Pyjamaparty

Kabinenparty `sollte ein Partysong werden und genau als das funktioniert er perfekt,’ meint Skero kurz und bündig. Stimmt, und Partysongs haben auch ihre Berechtigung. Die Jugend braucht ihr Uplifting-Lebensgefühl. Gesungen, am Liebsten natürlich in ihrer eigenen Umgangssprache. Oder muss Partymusik so überkandidelt sein wie die von Bunny Lake um einer attitudinal correctness von `Spass haben’ zu entsprechen? Wem Party, Party, Disco, Disco und Kabinenparty zu anspruchslos sind für die Pyjamaparty, kann ja beruhigt auf den Ernst Jandl und Peter Altenberg lesenden, ach so feingeistigen `Nino aus Wien’ ausweichen.  Denn wenn so einer `Oasch’ singt, dann dürfen es auch Klemmis gut finden.

Der Nino aus Wien – DU OASCH

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5 Kommentare

  1. Ich finde wenn man sich die Sendung so als Zeitvertreib anschaut und ein wenig lacht und mitfiebert und auch natürlich lässtert, alles ok. wenn ich mir aber mehr gedanken zur sendung deren gestaltung und mitwirkenden mache wirds nicht mehr zum anschauen.
    Da bin ich bisal Neil Postman – Alle Fernseher beim Fenster ausse.

  2. @adminassi: Unten ist mir ein Thomas reingerutscht. Stimmt. Schon ausgebessert. Erfolgreich und innovativ ist natürlich nicht das selbe. Behaupte ich auch nicht. Ich hab versucht zu analysieren, warum diese Typen bei den Jungen gut ankommen. Inb Österreich ist man es gewohnt Menschen entweder über- oder unterzubewerten. Das gemeine Volk wird grundsätzlich unterbewertet. SchülerInnen werden heute noch in der Schule stramm gehalten. Daher finde ich es gut, wenn sie sich endlcih ein wenig freispielen können. Und das tun sie abhängig von ihrer Sozialisation. Ich find Lukas (nicht Thomas) übrigens bissi pfui. Da hat mir Sabrina besser gefallen.

  3. alle ausser lukas (nicht thomas!) sind doch langweilig bei “helden von morgen”, was macht sie ausserdem zu helden? die sendung durchstehen, ok…selbstvertrauen und selbstbewußtsein sind ja schön und gut aber meist genau das gegenteil: sie sind sich einfach nicht bewußt, daß sie nichts können, aber das ist ja egal, hauptsache man macht (sich zum affen), lautet die devise. erfolgreich mit innovativ gleichzusetzen erscheint mir auch seltsam, gibt genug erstklassige heimische musik, die vielleicht nicht attraktiv für kinder ist oder im kaufhaus läuft
    belgien rockt auch: http://www.youtube.com/watch?v=aEdPOn0HmdQ

  4. Cooler Artikel. Ich finde jedoch das die derzeitigen Produktionen aus dem Computer
    herausproduziert mit festgelegten Sounds und Plug Ins eher Mies sind, so ein biserl
    über den Kamm geschert. Aber “Bonaparte” sind find ich nicht so schlechte Rocker.
    Auch 974.868 anklicke im Tube. http://www.youtube.com/watch?v=3vkE5Xs5omA

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