Wiener Grätzlgeschichten Teil 3 – Das nordwestliche Wien

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Die großen „Etablissementer“, die Heurigen und Beisln der westlichen Vorstadt waren das pochende Herz der Hauptstadt.

Wiener Lieder begleiteten das Leben aller Wiener zur damaligen Zeit und der jubelnde Gesang und die frechen Textzeilen legten sich wie Watte auf den harten Alltag. So malerisch die Vorstadt im nordwestlichen Wien war, so bitter konnte das Leben hier sein. Eine der größten Gefahren, auch schon für zarte Kinderseelen, war der Alkohol. Und der Alkohol war auch der Grund, warum die ganze Stadt in die Weinberge pilgerte.

Man fuhr mit der Pferdetramway hinaus – wenn man das Geld dazu hatte. Sonst musste man laufen. Durch die Linienwälle, die im Zickzackkurs die Stadt umschlossen.

Schrammel-Musik

In den Gassen an den Weinbergen spielten die Gebrüder Schrammel als Kinder. Ihr Vater schickte die begabten Burschen aufs Konservatorium, was für einen armen Handwerker sehr ungewöhnlich war. Und diese akademische Bildung sollte das Werkzeug sein, mit dem sie einen unverwechselbaren Sound kreierten. Nur wenige Jahre konnten sie ihren Erfolg in ganz Europa feiern. Danach starben die Brüder kurz nach einander. Viele Ensambles versuchten ihre Musik am Leben zu erhalten, nur fehlte ihnen die Virtuosität. Sie mussten die Original-Arrangements vereinfachen, um sie spielen zu können.

schrammel_quartett

Ganze Straßenzüge im Westen wurden von Werkstätten beherrscht. Von Perlmutt bis Seide wurde hier alles verarbeitet. Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten sich erste Fabriken in den Vorstädten und Vororten. Unter anderen wurden Puppen und Spielzeug hergestellt. Der erste Westbahnhof entstand mit Eingang zur Mariahilfer Straße, nicht zum Gürtel. Denn die Mariahilfer Straße war damals die zentrale Ader, der Gürtel eher eine Art Park.

Rothschilds (verschwundene) Gärten

Am Cobenzl breiteten sich indes die unvergleichlichen Gärten der Rothschilds aus. Eine weltbekannte Orchideenzucht gedieh hier und wurde von englischen Gärtnern betreut. Diese brachten nicht nur Gartenkenntnisse mit nach Wien, sondern auch einen Sport: Fußball. Ihr Sportgeist wird der Stadt erhalten bleiben, nämlich als Gründung des Fußball-Clubs Vienna. Die Gärten werden im Krieg zerbombt. Louis Rothschild wird ein Jahr von der Gestapo gefangen gehalten, um seiner Familie Geld abzupressen. Von den Rothschilds wird man nach dem Krieg in Wien kaum mehr Spuren finden, obwohl sie die Stadt sehr geprägt haben und geschenkt haben.

Rothschild gärten

In den Gassen von Hernals wuchs auch Betty Fischer auf. Sie stammte auch aus einer jüdischen Familie. Aber einer bitterarmen. Sie machte, wie viele Arbeitermädchen, eine Schneiderlehre, aber nahm nebenbei Gesangsstunden. Und sie hatte einen fantastischen Stimmumfang. Bald stand sie im Ronacher auf der Bühne. Von dort startete ein Siegeszug durch ganz Europa.

betty Fischer

Er sollte erst mit dem Nationalsozialismus gebremst werden. Sie musste auch Österreich fliehen und als sie nach dem Krieg zurückkehrte, wollte man nichts mehr von ihr wissen. Sie bekam keine Rollen mehr und lebte zurückgezogen und abgeklärt in einer Wohnung in Wien. In der Doku wird Material von ihr gezeigt, das nie im Fernsehen zu sehen war.

Hier findest du den zweiten Teil unserer Zeitreise. Kommt mit ins südliche Wien!

Regie: Patrice Fuchs

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