Bob und der Pathos

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Bob hat den Literaturnobelpreis bekommen und Facebook in Österreich dreht durch: Leonard Cohen hätte ihn mehr verdient. Wie pathetisch ist das denn?

Also es ist nicht so, dass ich euch eure Bobs und Leos nicht vergönne. Ich weiß, dass die jeweiligen Fans sich eingehend mit ihren Übervätern beschäftigt haben, ja Vorlesungen über sie füllen könnten – mit viel interessanterem Inhalt als 98% der Standardvorträgen an der Kunstakademie. Ich weiß, eure Gefühle sind echt und ihr identifiziert euch nicht nur mit euren Helden, nein, ihr findet in ihren Werken wahre Poesie und eine Spiegelung eurer Gefühle.

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Ich mag Lay Lady Lay auch gerne (obwohl mir der Text irgendwie unangenehm ist: Wer ist dieser Typ der mir sagt, dass ich bleiben soll? Warum weiss er, dass ich ich nie mehr Liebe bekommen werde, als bei diesem Typen? Bin ich eine kleine Lady?) und Dance me to the end of love ist sehr schön. Das hat alles Stimmung und Poesie und natürlich Nostalgie hoch 10. Pop ist längst Retro. Das soll deren Wert nicht mindern, aber natürlich macht es das Musikerlebnis auch pathetisch, wenn man sich dem ergibt.

The Who und der Pathos

Als ich letztes Monat bei The Who war, war ich überzeugt, dass es ein pathetisches Erlebnis werden wird. Ich bin ein The Who Girl, so wie andere Bob Dylan Söhne sind, aber ich bin keine Nostalgikerin und daher erwartete ich das Konzert mit gemischten Gefühlen. Ich wurde aber nicht enttäuscht. The Who lieferten eine komplett umrührselige Show. Sie bauten Quadrophonia und die Mods großzügig ein, weil sie einen großen Teil der Geschichte von The Who ausmachen, aber ohne dem Publikum das Gefühl zu geben: Wir machen das nur, weil ihr das von uns erwartet. Wir erfüllen euren Pathos. Nein, ihr wart einfach ein Teil von uns, wir sind ein Teil von euch.“

Ausserdem spielten sie sich die Finger und Stimmbänder wund und in der Mitte der Show machten sie auch einen politischen Rückblick von den 60ern bis in die heutigen Tage mit beeindruckenden Visuals zur Lifemusik und brachten uns alle damit wieder in die Gegenwart zurück. Am Ende bedankte sich Pete nicht nur bei Roger, sondern auch beim Publikum, aber merkte an, dass er alle Songs als junger Bub geschrieben hat und der Applaus daher nicht ihm gelte sondern dem Buben von damals. Das war Poesie ohne Pathos. Ich konnte als 43jährige aus der Stadthalle gehen, ohne mit meiner vergangenen Jugend zu hadern. Schön.

Was macht der Pathos mit uns?

Wir sind aber keine 20 mehr, sondern 40, 50 oder what ever. Auch Brangelina geht ihrem Ende zu. In 5 Jahren wird keiner mehr von den beiden reden. Sie haben uns 20 Jahre begleitet und fangen nun an zu verbleichen. Unsere Kinder werden von Brangelina reden, wie wir über Liz Taylor und Richard Burton. So betroffen uns  Brangelinas Lebensetappen gemacht haben, von der Scheidung von Jen weg über die ganzen Adoptionen, Brust-OPs bis hin zu Brads Alk-Ausfallet, so wurscht wird ihr Lebensabend unseren Kindern sein.

Genauso werden sie nicht Bob und Leonhard zitieren. Wenn man das Leben von Zuckerberg verfilmt, verwendet man die beiden vielleicht als Gefühlsverstärker in der Darstellung seiner Eltern als sie jung waren.

Aber die Bob-Jünger sind heute alt genug um auch Einfluss zu haben und einige davon haben in der Akademie einen Platz gefunden und das kleine kleine Zeitfenster erwischt, in dem es möglich war Bob für den Nobelpreis vorzuschlagen. Aktuell gibt es die meisten Bob-Fans in einem einflussreichen Alter, die es jemals geben wird. Der Peak ist erreicht.

Bob und der Feminismus

Dass Leonhard es nicht geschafft hat vorgeschlagen zu werden, liegt wohl an seiner doch viel kleineren Fanbase, in der auch deutlich mehr Frauen zu finden sind, als in Bobs. Leonard ist viel emotionaler bis hin zu einer reizvollen Nähe zum Schlager. Bob ist der Kopfpoet.

Aber dass der Facebook Diskurs in Österreich gleich in eine Ehrenabhandlung abgleitet, welcher weiße Pop-Herr den Preis mehr verdient hätte als Bob, war vorprogrammiert. Wer in Österreich in den 40ern oder 50ern ist und sich ernsthaft mit Pop auseinandergesetzt hat, ist allen voran ein Mann. Beschäftigt wurde sich allen voran mit männlichen weissen Popmusikern. Der Horizont ist eng und auch die emotionale Range, die dieser Horizont im Herzen zuläßt. Genauso engsinnig nimmt der Pop-Wisser in Österreich auch an, dass die eigene Urteilskraft alleinstehend ist.

Das alles spürt man beim Bob-Diskurs der Bob-Fans aber auch der Bob-Gegner innerhalb dieser Gruppe. Ein Streit zwischen männlichen Rechthabern, die selten am Tanzboden stehen.

In Schweden wurde vor allem kritisiert, dass Bobs Fanbase vor allem Männer enthält und er ein Übervater von weissen Männern ist. Wenn der Preis sich der Popkultur öffnet um die Poesie hervorzuheben die in Musik zu finden ist, dann hätte man auch eine Frau wählen können oder zumindest einen Mann, der auch die Stimme der Frauen mehr verdeutlicht.

Dass Bob kein Feminist war, ist allen bekannt und natürlich hat er trotzdem weibliche Fans und seine Fans auch verdient. Aber er steht ganz klar für eine Garde kreativer Männer der 60er Jahre, die Frauen nicht so sehr respektiert haben, wie sich selber. Und das macht ihn noch ein wenig mehr retro als nur sein Alter und das ist definitiv auch daran schuld, warum ich nicht so warm werde mit ihm. Er strahlt den Chauvi einfach aus.

Bob und das Bürgertum

Andere hätten lieber einen Pop-Helden geehrt der weniger elitär ist und nicht nur die Söhne des Bildungsbürgertums entgegenkommt. Natürlich sind nicht alle Bob-Fans Söhne des Bildungsbürgertums. Aber Bob ist schon der Ankerpunkt für Männer mit Intellekt. Oder Männer die intellektuellen Pop hören wollen.

Das ist ein wichtiger Punkt, aber natürlich hätte man dann beinahe jede Verleihung bis heute in Frage stellen können. Pablo Neruda, Jelinek, Toni Morrison, Transströmer… sie haben alle nicht die Sprache der Arbeiterklasse gesprochen.

Aber am Rande kann ich mit der Kritik trotzdem was anfangen. Beispielsweise wenn ich an Bruce Springsteen denke. Die Verachtung, die Bruce von elitistischen Pop-Wissern erfährt, erweist jenen selbst keine Ehre.

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Ein Arbeiterkind aus New Jersey, dessen Vater unter paranoider Schizophrenie litt, schafft es mit musikalischen Erzählung über das Leben der amerikanischen Arbeiterschicht zu Weltruhm. Was ist daran verachtenswert? Bruce kritisiert die Engstirnigkeit der einfachen Leute genauso wie die Gesellschaftsstrukturen, die seine Leute in eine enge Lebensbiografie zwingen, mit viel viel harter Arbeit und wenig Selbstwirksamkeit. Er singt von den Männern und von den Frauen. Er singt über die Krankheit seines Vaters, weil sein Vater nie über seine Diagnose und den ganzen Problemen, die sie bereitet hat, reden wollte. Und heute ist Bruce 75 Jahre alt, wie Bob. Seit ewig mit seiner Frau Patti zusammen, machte 30 Jahre lang Psychotherapie um mit seinen Depressionen zurecht zu kommen. Sagt, auf die Frage, welche seiner Lieder sein Therapeut besonders mag: „Wenn man das erste Mal zum Therapeuten geht, kümmert es einem nicht, ob der deine Alben kennt. Du gehst rein, setzt dich hin, und fängst zu weinen an.“ Seinen Vater wiederum hat er sehr spät im Leben gefragt, welches seiner Lieder dieser am meisten möge. Der Vater antwortete: „Die Lieder, die von mir handeln.“ Damit war alles gesagt. Jahrzehntelanges Schweigen ausgesprochen.

Ich will damit nicht sagen, dass Bruce den Literaturnobelpreis bekommen sollte. Ich will damit sagen, dass Poesie keinen engen Weg verfolgt. Es gibt im Menschlichen so viel Poetisches. Poesie ist wo man nicht mit ihr rechnet. Poesie ist Wissenschaft über Empfindung und Verdeutlichung von Ungesehenem. Wer in The Boss nur einen Ami in Jeanshose sieht, hat die Augen nicht sehr offen gehalten.

Bob Dylan hat auch Poetisches, aber er erfüllt trotz seiner Eigenwilligkeit bereits soviel Stereotypien von Wertigkeit, dass er, ungewollt, den Blick auf die Poesie anderer Menschen verdunkelt. Er wird zu einem Gegenargument. Und auch die Gegenargumente des Gegenarguments (also alle anderen Pop-Herren, die aktuell für den Nobelpreis vorgeschlagen werden) wälzen sich über jede Poesie im Dunkeln. Poesie ist fragil und schneidet wie Messer in Papier oder wärmt wie Nebel auf Eis. Bob Dylan ist ein schweres einspuriges Label mit männlicher Garde. Als kreative Frau hat man automatisiert das Gefühl von Ersticken, wenn einem Bob als oberste Instanz für Poesi präsentiert wird.

Frauen gibt es in der Branche kaum welche, die ähnlich kultig verehrt werden wie die Dylan, Cohen und Co. Weil Frauen ganz einfach nicht so verehrt werden. Sie sind keine Überväter. Odetta zum Beispiel, die Heldin des der afroamerikansichen Bürgerrechtsbewegung, war eine der wichtigsten Vorbilder von Bob Dylan. Sie ist nicht vergessen, hat auch für Obama gesungen, aber sie hätte nie entfernt vergleichbare Chance auf Kultstatus bekommen.

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Dolly Parton, eine der wichtigsten Songwriterinnen der USA, ist weit entfernt von Kultstatus. Hätte sie oder eine andere der erfolgreichen und tollen weiblichen Songwriter sich jemals medial benommen wie Bob, wären sie wahrscheinlich für verrückt erklärt worden. Insgesamt machen die sichtbaren weiblichen Singersongwriter einen Bruchteil der männlichen aus.

Das alleine ist eine Schieflage, die eigentlich einem Bob Dylan als Preisträger ausschliessen sollte. Aber vielleicht kann die Verleihung eine solche Diskussion und Auseinandersetzung auch anheizen.

Bob und Trump

Dass die Verleihung an Bob – einem „gewöhnlichen Trubadur“ eine „Trumpifizierung des Nobelpreises“ gleichkommt und einem Affront aller exzellenten nordamerikanischer Literaten, so lautet die Kritik von Seiten der Literaturliebhaber. Das ist ein wenig verkürzt, aber zumindest können wir festhalten, dass nur ein Bruchteil der großartigen Literatur aus den USA ins Deutsche übersetzt wird und wir hier noch einen reichen Schatz zu heben hätten.

Danke an die Akademie, dafür dass ich mich in Zukunft bewusster mit Songtexten auseinandersetzen werde und mich auch bewusst damit auseinandersetzen durfte, dass die Zeit nicht stehenbleibt und unsere Helden verblasen werden, wie wir auch. Danke dafür, dass der Nobelpreis Diskurse auslöst.

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