Ausschussware

1

Letztes Jahr rannte ich wie die Verrückte durch alle Schuhläden dieser Stadt, weil meine Sehnsucht trieb mich, mit feinen Schnürstiefelchen an meinen Füßchen würde ich Prinzessinengleich über alle Eisplatten des Lebens gleiten, Pirouttendrehend, Sturzfrei, ein kleines Pas de Deux von Zeit zu Zeit schien auch hier in greifbarere Nähe. Naja das war letztes Jahr, da gab es keine Hübschlerinnestiefelchen, nur in feinsten Etablissements zum Preis von 350 Euro käuflich zu erwerben, das ist außerhalb meines Budgets, ich dachte schon daran einfach einen Eislaufschuh von seiner Kufe zu befreien, arrangierte mich anders.

Dieses Jahr schwemmt es Stiefelchen und schwappt, überall, die Welt ist in allen Absatzhöhen, hoch oder nieder geschnürt zu beschreiten. Bei Deichmann, bei H und M, bei Schuh und Schnösel ÜBERALL,

 

jetzt will ich nicht mehr, jetzt interessierts mich nicht, jetzt will ich nicht eine Armeeuniformausgstattete sein, jetzt sind mir die Stiefelchen wurscht. Jetzt will ich DIE Stiefelette mit einem Absatz in dem ich noch gehen kann, aber der mein Bein streckt, schmal aber nicht spitz, ich sehe sie vor mir, die Stiefelette,

im Geschäft fand ich sie noch nicht. Nächstes Jahr steht sie dann sicher mir Kindern und Kindeskinder, Onkel und Tanten in allen Regalen, naja, für den Übergang habe ich mir wirklich schiache Bergschuhe mit 5 Zentimeter Blockabsatz gekauft, a bissi Heidispieln hab ich mir gedacht, so ab und zu ist das ok, Dauerzustand nein. Ich brauche was Koketteres, dringend her mir der neckenden, lockenden zumindest Fußbegleitung.

So gestalte ich gerade meine Oberfläche, in der Tiefe schwimme ich tapfer oben auf, es zieht mich aber immer wieder hinab in tiefere Schichten, manche sind bacherlwarm, machen mich naiv und kindlich, neugierig, andere sind eiskalt und ich gerate zurück in den Strudel der ungeliebten, armseligen, flehenden Flossenlosen. Da hilft dann nur auf den Sprungturm steigen, die See von Oben zu betrachten und aus der Perspektive der Gewachsenen über den schon zurückgelegten Ebenen zu stehen, wie ein Becken ist es nie mehr wieder ganz leer, denn das Wasser was hinzufloss, wird mich nicht mehr verlassen, dafür trage ich schon Sorge und Vertrauen.

Mein Körper hat sich schon viel gefallen lassen müssen, ich hasste ihn mit 35 Kilo (da war ich 20) ich verabscheute ihn mit 90, nicht Jahren, Kilogramm, das war nach der Geburt des Kindes.

Ich kochte Gemüse aus Salatgurken, bis heute kenne ich jede Kalorienzahl, ich bekämpfte es, mein Schneckenhaus, zu rund, immer zu rund. Seit Neuestem lasse ich ihn in Ruhe, diesen Körper, ich koche, ich esse und siehe da, seitdem ich nicht ständig mit drohender oder existierender Hungersnot meine Zellen auf Gier manipuliere, hat er sich eingependelt auf ein wie ich finde recht ansehnliches Maß. Gut, Heidi würde pikiert zur Seite blicken, aber Heidi ist mir wurscht.

Heute in der Früh, erzählte mir mein Kind aufgebracht, dass die Zeichenprofessorin ein Gespräch begann, wer der oder die Dünnsten in der Klasse sind, einer sagte dann zu meiner Tochter, da könntest du etwas abgeben ( gut Kinder, wäre jetzt nicht so tragisch), was sie dann aber wirklich verletzt hat war, dass die Zeichenprofessorin sich genötigt sah, die Situation mit einem Lachen und dem Satz” sie könnte sogar Zweien, etwas abgeben” zu kommentieren.

Da war ich kurz in einer sehr trüben Schicht meiner Vergangenheit, aber es geht ja um meine Tochter und die Gegenwart.

Meine Tochter ist kein langbeiniger Bachfisch, sonder ein bisschen kurvig, dick ist sie nicht. Auch das ist schon gestört, dass ich das jetzt hier erklärend hinzufüge, selbst wenn sie eine Kugel mit Haaren wäre,

liebe Pädagogin gehts noch?

Lieber Weihnachtsmann oder was immer einem Wünsche zu erfüllen vermag, ich verzichte gerne Jahr für Jahr auf meinen Wunschschuh,

sobald unreife Pädagogen,

nicht mal mehr mit der Lupe zu finden sein werden. 

 

Please follow and like us:
Share.

About Author

1 Kommentar

  1. gänsehaut rinnt mir auf ob der dreistigkeit dieser “pädagogin”. was geht in deren hirnen vor? als wäre die werbeindustrie nicht mater genug in unserer oberflächlichen welt.
    ein wunderschöner, berührender text.

Leave A Reply

Enjoy this blog? Please spread the word :)