Mit Familie feiern

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Schöne Kindheitserinnerungen schaffen – das ist bekanntlich eine unserer wichtigsten Aufgaben als Eltern. Wir inszenieren den Alltag und vor allem Feierlichkeiten für die Kinder, damit diese Ereignisse magisch im Gedächtnis bleiben.

Es gibt gute Tricks. Einer lautet: Man muss den Kindern erklären, warum die Inszenierung magisch ist. Aber so, dass sie es nicht merken. Ihren Blick schärfen und damit das Empfinden.

Das ist gar nicht so einfach. Sehr anspruchsvolle Manipulation.

Wenn ich dem Kind was backe, reicht es auf Dauer nicht zu behaupten, dass der Gugelhupf vom besten Rezept der Großmutter stammt und daher unübertroffen ist. Denn einerseits ist das vielleicht irreführend und hält das Kind davon ab, mit offenen Sinnen durch die Welt zu gehen. Und andererseits zielt diese Intervention auf Idealisierung ab und ist nicht so magisch ausgerichtet. Das heißt nicht, dass die Rezepte der Großmutter nicht magisch sind, aber man kann den Gugelhupf raffinierter verkaufen. Beispielsweise eine konkrete Eigenheit der Rezeptur erläutern, oder eine Erinnerung an die Großmutter mitliefern. Mehr Reize um den Gugelhupf platzieren, damit das Kinderdenken stärker getriggert wird.

Kindern was mitgeben

Kleine Nuancen können Gewicht haben: Vielleicht hat die Großmutter das Backen in Wahrheit gehaßt? War aber trotzdem gut darin, da sie es über so viele Jahrzehnte gemacht hat. Das wäre eine Geschichte, die Widersprüchliches und Entidealisierendes in sich trägt, aber doch dem Gugelhupf Substanz gibt.

Das Kind wird immer wieder darüber nachdenken, wie das sein kann, dass man etwas gut beherrscht, was man nicht gern macht. Oder es wird darüber nachdenken, warum man etwas nicht gerne macht, das so gut schmeckt. Oder es wird darüber nachdenken, ob die Großmutter gerne was anderes aus ihrem Leben gemacht hätte. Je nach dem, was es für ein Kind ist.

Erinnerungen schenken

Eine schöne Erinnerung schenken funktioniert gut, wenn die Inszenierung einen Twist hat, die Sinne bereichert, vielleicht die Realität des Lebens auf spannendem Weg verdeutlicht (statt als Frontalerklärung), die Augen für neue Ästhetiken öffnet und auf das Denken und Aufnahmefähigkeit des Kindes abgestimmt ist.

Frischer Germkuchen ist natürlich köstlich und die meisten Kinder mögen ihn. Aber der Genuss wird größer, wenn man den Genuss verdeutlicht.

Bei Safransgebäck habe ich hin und wieder dazugesagt, dass es in den Stunden nach dem Backen am Besten schmeckt. Viel besser als am nächsten Tag. Der Genuss läuft ab. Der Moment ist kostbar. Das triggert die Freude auf das frische Gebäck. Und zum noch warmen Gebäck serviere ich kalte Milch. Warm und kalt zu kombinieren ist geschmacklich aufregend. Und Süßes mit Gesundem zu kombinieren ist auch eine spannende Kombi – vor allem wenn sie sehr gut schmeckt.

Feste mit Kindern feiern

Das ist eine leichte Übung. Schwieriger wird es, wenn es um die Inszenierung von Festen wie Weihnachten geht. Für welche Traditionen entscheidet man sich? Welche Gedankengänge und Emotionen werden die zelebrierten Traditionen hervorstreichen?

Und: schafft man es die Traditionen auch zu brechen? Das ist eine besonders wichtige Lehre, glaub ich.

Traditionen lehren den Kindern Nachhaltigkeit und Lebensgenuss – angepasst an Jahreszeiten und Anlässe. Traditionen kann man nur brechen, wenn man welche hat. Und Traditionen zu brechen trägt wichtige Lehren in sich: Entscheidungen zu fällen, kann nervös machen, kann aber zu was Gutem führen. Man muss sich nicht auf Altbekanntes einschränken. Nicht nur, was man kennt ist gut. Viele Kinder können große Angst und Irritationen entwickeln, wenn sich Familientraditionen ändern. Andere Kinder haben kein Problem damit. Aber es ist jedenfalls eine persönlichkeitsentwickelnde Erfahrung Gewohntes aufzugeben.

Mal was anderes als Festmahl kochen. Wo anders feiern. Was anderes singen. Die Beschenkung anders organisieren. Weniger. Mehr. Stiller. Lauter.

Zeigen, dass es viele Wege gibt und dass man genießen kann, was man nicht kennt. Es aushalten nicht alles kontrollieren zu können.

Dieses Weihnachten bekommen unsere Kinder ihre Geschenke erst am 25.12. in der Früh. Meine ältere Tochter hat das schon früher öfter angeregt. Ich fand den Gedanken irritierend. Heuer habe ich eingewilligt, weil wir erst am 23.12. um sehr spät am Abend hier angekommen sind.

Es wäre recht viel auf einmal gewesen, bereits am ersten Tag sich darauf einzustellen wieder hier zu sein, gut zu kochen, sich Sachen zu schenken. Der ganze Höhepunkt geballt gleich nach dem Ankommen. Daher wollte ich in Etappen vorgehen und heute nur gut essen und Spass haben und erst morgen Früh die Geschenke auspacken. Die Familie war sehr einverstanden damit. Bis dann das Festmahl gedeckt war. Da wurden sie unruhig und wollten doch die Geschenke gleich haben. Es gab recht viele Diskussionen deswegen.

Mal alles anders machen

Obwohl ich erst auch skeptisch war, hatte ich mir mittlerweile schon ausgemalt, wie schön es sein könnte, es auf diese Weise zu machen. Und deswegen wollte ich ihnen die Erfahrung zu warten, gegen ihren Willen, nicht verweigern. Außerdem, der Hauptgrund für ihren Gesinnungswechsel war wohl die Ungeduld. Und Ungeduld ist nicht immer das beste Argument.

Als Kompromiss bekamen sie nur ein Geschenk heute: Einen Flanell-Pyjama. In diesem schlafen sie jetzt und warten auf das Geschenkefrühstück.

Und wir trinken statt Glögg einen Whiskey.

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