Attentat in Schweden

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attentat in Stockholm

Ich und meine Familie sind in den Osterferien in den Norden gefahren – genau am selben Tag an dem das Attentat in Schweden verübt wurde. Ich habe die ganze Fahrt rauf an meinem Handy gehangen und alle Feeds gelesen und Reaktionen abgewartet. Ein Freund von mir fährt in Stockholm Bier mit Lastwagen aus, aber er meldete sich dann über Facebook und gab bekannt, dass er nicht der betroffene Fahrer gewesen ist. Auch meine Familie und Freunde waren nicht vor Ort, als es passierte.

Wie geht das betroffene Kaufhaus mit dem Attentat um?

Åhlens, das Kaufhaus in das der Lastwagen reingefahren ist, hat große Bedeutung in Schweden. Es ist eine Kette, die es überall in im Land gibt, und wo man die Herbstmode der Kinder, die Einrichtung für daheim, Shampoo und Schminke kauft und auch auf einen Kaffee geht. Åhlens ist Teil des Lebensgefühls. Jeder kennt Åhlens und fast alle gehen regelmässig hin. In Zukunft wird ein dunklerer Mythos über Åhlens hängen. Nach dem Attentat wurde im Kaufhaus sofort eine Plywoodplatte auf die Öffnung geschraubt und dann hat man innen ein großes Tuch drübergespannt.

attentat åhlens

„Jetzt reparieren wir. Danke an alle die Stockholm im Gang halten. Unsere Liebe geht an euch, die ihr direkt betroffen seid. Von allen, die bei Åhlens arbeiten.“

Das Mitgefühl für Åhlens schwand ein Stück, als die Leitung des betroffenen Falgshipstores kurze Zeit nach dem Attentat die Wiedereröffnung ankündigte plus einem Abverkauf von Produkten, die „rauchbeschädigt“ waren. Also durch das Attentat Schaden genommen hatten. Ein PR-Miss, der in den sozialen Medien zu einem Shitstorm führte. Åhlens antwortete aufrichtig: Man stünde das erste Mal vor so einem Ereignis. In erster Linie hatte man sich um das Personal gekümmert. Gleichzeitig seien sie ein gewinnorientiertes Unternehmen und agierten in einem Land, in dem „Gewinnorientierung“ ein Teil des Werte- und Wirtschaftssystem sei. Daher käme es nicht in Frage, beschädigte Ware zu entsorgen. Zum vollen Preis könne man sie aber auch nicht verkaufen, weil sie nicht mehr 100% unbeschädigt sei. Daher habe man sich für den Albverkauf entschieden.

Das Attentat in Schweden und wie man mit der Trauer umging

Nach dem Vorfall waren wir in Stockholm City und beobachteten die Schweigeminute um 12:00 und wir waren um 11.00 angerufen worden und man bat uns um einen Beitrag für die ZiB2. Das hiess: mit Kindern im Schlepptau Interviewpartner finden und in der Stadt herumfahren und dann gestresst den Beitrag mobil zusammenschneiden und mischen. Nachdem unser letzter Dreh vor dem Kaufhaus NK stattfand, gingen wir danach in dessen Kaffeehaus. NK ist ein teures, sehr nobles Kaufhaus und hier wurde vor ca. 10 Jahren die schwedische Aussenministerin erschossen.

Seit den 40er Jahren hat es eine sehr lange Reihe an Terrorattentaten in Schweden gegeben und viele Menschen sind dabei gestorben. Man ist hier also nicht, wie viele denken, unbescholten wenn es um Gewalt geht.

stockholm

Journalistisches Arbeiten unter Druck im Nobelrestaurant

attentat in schweden

Die Kinder tranken derweil Tee und assen Eis, das nach „Prinzesstorte“ schmeckt

Neben den Terror und den Unruhen der Vorortsburschen mit Migrationshintergrund, gibt es in Schweden seit vielen Jahrzehnten eine sehr vitale Mafia. Astrid Lindgren-Land ist auch Henning Mankell-Land. Die Mafiafamilien kommen aus Russland und den Baltischen Staaten und erpressen Schutzgelder von Geschäften, verkaufen Drogen und bevor Schweden den Kauf von sexuellen Dienstleistungen verbot, zählte auch der Menschenhandel zu ihren grossen Einkommensquellen. Da geht es nicht um Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak.

Angry young men

Schweden hat ein Problem mit Gettoisierung in den Vororten und dort machen vor allem „young angry men“ Probleme. Wer Probleme hat, macht Probleme. Sie sind nicht Teil der Gesellschaft, sie haben andere Statusvorstellungen, sie sind weniger kompetent, sie passen nicht in das männliche Ideal der schwedischen Gesellschaft. Aber sie machen auch den Menschen und vor allem den Frauen um sich Probleme, üben Druck aus und versuchen den Ton in den Strassen anzugeben.

Man darf gleichzeitig nicht übersehen, dass es diese Burschen überall gibt. Auch ohne Migrationshintergrund. Aber wer spricht darüber? Was wissen wir über die Strassen des 10. Wiener Bezirks oder des 21. Bezirks oder des 15. Bezirks? Wer berichtet über die Strassenschlägereien, die dort regelmässig stattfinden? Wer problematisiert die Präsenz von chauvinistischen Männern auf den Strassen egal wo in Österreich? In Schweden wird sehr öffentlich diskutiert und auch Massnahmen ergriffen. Man wird keinen männlichen Chefredakteur finden, der nicht sattelfest ist, wenn es um feministische Fragen geht.

Auch in den Vororten versucht man Massnahmen zu ergreifen. Zum Beispiel bildet man ehemalige Kriminelle zu Sozialarbeitern aus und schickt sie zurück in die Vororte um unruhestiftenden Burschen ins Gewissen zu reden und sie in Schach zu halten, damit sie nicht glauben, die Welt gehöre ihnen.

Wo funktioniert die schwedische Integration?

Aber diese Burschen sind nur ein kleiner Teil der Schweden mit ausländischen Hintergrund. Es gibt sehr viele gut integrierte junge Menschen mit Migrationshintergrund, die eine neue Art von Schwedischsein gestalten. Sie kaufen sich auch eine typisch schwedische Sommerhütte und kochen dort syrisches Essen und hören syrische und schwedische Popmusik. Und es gibt unglaublich viele junge SchwedInnen mit Migrationshintergrund, die medial stark gehighlightet, sehr geliebt werden und tolle Vorbilder sind.

seinabor sey

Von Dr. Alban, über Loren bis Seinabo Sey, es gibt unzählige medial präsente Vorbilder für eine neue Schwedenidentität

Vor allem die gemeinsame Schule bis 18 Jahre ist ein wichtiges Werkzeug für funktionierende Integration. Das haben Studien gezeigt. Diese gemeinsame Schule, die die niedrigsten Mobbingwerte der Welt hat (weil man von Seite des Staates schon vor 30 Jahren ganz grosses Gewicht auf den Kampf gegen Mobbing gelegt hat!) macht am meisten Wirkung, wenn es um Integration und Chancengleichheit geht. Die Kinder dürfen, bis sie 18 Jahre alt sind, Bildung geniessen, ihre Sprachkenntnisse verbessern, ihre Lebenswelt mit allen anderen Jugendlichen teilen. Sie werden nicht aussortiert. Sie hören nicht mit 15 Jahren auf dazuzulernen und Förderung zu erhalten.

Die Schwedendemokraten

Viele Schweden reagieren darüber hinaus skeptisch auf die vielen MigrantInnen und wählen daher die „Schwedendemokraten“. Der Chef der Schwedendemokraten ist aber kein Strache-Typ. Er ist natürlich rechtsnationalistisch, aber leidet nicht so offensichtlich unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, wie man von Strache denken könnte, wenn man ihm beim Reden zuhört. Er argumentiert sehr viel sachlicher als Strache, der ja gegen jedes bessere Wissen unbelegte Behauptungen aufstellt und provoziert und sich über alle Fakten stellt. Die Rechten können in einem Land, in dem Pragmatismus und Logik eine sehr grosse Rolle spielen, nicht ganz so leicht mit leeren Behauptungen und Diffamierungen Punkte sammeln.

Viele gehen in Schweden schon davon aus, dass die Schwedendemokraten durch das Attentat WählerInnen dazugewinnen werden. Im Moment liegen ihre Werte bei 19% (ihr bisher bester Wert), aber vor allem rechnen viele damit, dass die Grünen durch das Attentat in Schweden aus dem Parlament fliegen werden. Der sozialdemokratische Staatschef Löfven hingegen gewinnt in diesen Tagen deutlich an Vertrauen in der Bevölkerung.

Rund ums Attentat

Am Tag des Attentats wurde die gesamte Innenstadt geleert. Man wollte verhindern, dass Menschen einem möglichen weiteren Attentat zum Opfer fielen. Ein Freund von mir arbeitet bei den öffentlichen Bussystem und sass den ganzen Freitag in der Zentrale und dirigierte Busse aus der Innenstadt und musste eine Art hochkompiliertes Bus-Schach lösen. Sekündlich neue Situationen und neue Lösungsherausforderungen.

Niemand durfte an diesem Abend öffentlich fahren. Daher bildeten sich Volkswanderungen von der Innenstadt in die Aussenbezirke. Und viele Leute fuhren den Menschen mit Autos entgegen und chauffierten Menschen mit Kindern nach Hause. Das wurde über soziale Medien gesteuert und brachte die Stockholmer wirklich näher. Natürlich waren auch viele Schweden mit Migrationshintergrund unter den Chauffeuren. Die Polizei liess alle weiterfahren, auch wenn zuviel Menschen im Auto sassen. Man tat alles um eine nette konstruktive Stimmung zu schaffen.

Eine Woche nach dem Attentat wurden die vielen vielen Blumen vom Sergelstorg weggebracht. Vertreter des historischen Museums kamen vor Ort und sahen sich die Erinnerungsstücke an, die abgelegt worden waren. Kleine Teddys und Puppen zum Beispiel. Sie suchten eine Auswahl aus, die in die Sammlung des Museums eingehen soll um dieser Tage zu gedenken. Eine schöne Handlung. Und schön, dass die Medien darüber berichteten. Es hat was respektvolles und heilendes zu wissen, dass man den Reaktionen des Volkes auf dieses Attentat besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Es wurde in den Medien sehr viel über Traumaverarbeitung gesprochen. PsychologInnen erklärten Eltern, dass sie ihre Kinder zum Gedenkort mitnehmen können, aber nicht überbetonen sollte, dass man keine Angst haben muss. Denn sollte das Kind dennoch Angst haben, würde es vielleicht aufhören offen über seine Ängste und Alpträume zu reden und sie in sich begraben. Man sprach aber auch darüber, dass die öffentliche Trauer authentisch bleiben muss und nicht zu einem „Terrorismus-Theater“ verkommen dürfe, den ein solches würde nur mehr Angstbilder schaffen und nicht mehr zur Verarbeitung führen, sondern zu Aufbau neuer Ängste.

Man kann viel von Schweden lernen. Vor allem weil es eine sehr transparente Gesellschaft aufgebaut haben. An dieser kann man tatsächliche Wirkungsmechanismen nachvollziehen, anstatt sie nur zu diskutieren. Diese empirischen Daten spielen in fast allen politischen Entschlüssen entscheidende Rollen. Ob in der Schulpolitik oder in der Arbeit der Geheimpolizei. Auch die Geheimpolizei ist transparent. So transparent eine Geheimpolizei nun mal sein kann. Sie gibt jedes Jahr einen Bericht über Anzahl und Charakter von Spionageangriffen aus dem Ausland (meistens Russland), über die Entwicklung der Mafiabekämpfung oder neuen Schwerpunkten wie der Einrichtung einer Cyberwar-Einheit, die nicht nur auf die Bekämpfung von Cyberangriffen spezialisiert ist, sondern auf das Durchführen von Cyberangriffen.

Außerdem hat sich die schwedische Gesellschaft über Jahrzehnte eine öffentliche Kommunikationsebene erarbeitet, die menschliche Empfindungen und Reaktionen konstruktiv und immer während analysiert, teilt und bewertet. Man spricht über Trauer, Glück, Krisen, Selbstbewusstsein. Man findet in den meisten politischen und wirtschaftlichen Themen auch psychologische Momente, die man hervorhebt und bewusst macht. Reaktionen vom Gegenüber werden in den Medien emphatisch aber auch pragmatisch hinterfragt um sie besser verstehen zu können. Es wird Mitleid und Fürsorge von Kontrolle und Rührseligkeit abgegrenzt. Es wird Toleranz von fehlendem Engagement abgegrenzt. Es wird Liebe von Vernachlässigung abgegrenzt. In der öffentlichen Diskussion findet so täglich ein Training im „Gefühle verstehen lernen“ statt. Das hat die individuelle Selbstreflektion sehr gesteigert. Die Menschen sind sich ihrer Gefühle und deren Bedeutung sehr bewusst und können sie deswegen besser hantieren. Das hat man auch in der Berichterstattung rund um das Attentat bemerken können.

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