ADHS und Scientology

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ADS, das schlechte Image von Ritalin und was das mit Scientology zu tun hat…adhs essen

Artikel über ADS beginnen meistens mit der Behauptung, dass die Anzahl der ADS-Diagnosen immer weiter steigt. Der Subtext lautet: Ärzte stellen immer häufiger willkürlich ADS bei Kindern fest und verabreichen ihnen unnötigerweise Ritalin, um sie ruhig zu stellen. Stimmt das oder handelt es sich nur um leere Behauptungen?

Er gehört zu den meistgelesenen und hochgeschätztesten gegenwärtigen Kinderpsychologen. Allein dass er aus Dänemark stammt, dürfte seinen Vertrauensbonus bei deutschsprachigen Müttern erhöhen: Jesper Juul. Er gehört leider auch zu jenen PsychologInnen, die sich, sagen wir mal, sehr Wischiwaschi zum Thema ADS äußern.

Ist das Essen schuld?

In den letzten Jahren sind regelmäßig Artikel zum Thema ADS erschienen, die versuchen, vorrangig die Eltern für das Aufmerksamkeitsdefizit ihrer Kinder verantwortlich zu machen. Die einen meinen, die Eltern kümmerten sich zu wenig um sie, die anderen (wie Jesper Juul) meinen, sie kümmerten sich zu viel um sie und wieder andere meinen, die Pharmaindustrie versuche, künstlich einen Absatzmarkt für Ritalin zu schaffen. Ganz abenteuerliche TherapeutInnen meinen, das Essen sei Schuld an der Misere – und geben damit die Schuld wieder zurück an die Eltern, die ihren Kindern böses Essen auf den Tisch stellen. Vor allem die sehr umstrittene Kinderpsychologin Jirina Prekop hat sich öfter zu Phosphat-Überempfindlichkeiten geäußert, die bei Kindern oft ADS-ähnliche Symptome hervorrufen würden. Prekop hatte viele Jahre versucht, autistische Kinder mit der sogenannten Festhalte-Therapie zu heilen. Sie mutmaßte, dass Autismus seine Ursache in einer gestörten Mutter-Kind-Bindung hätte. Das Festhalten des Kindes sollte helfen, diese Bindung herzustellen. Heute steht fest, dass Autismus genetische Ursachen hat und Prekops Therapiemethode wird nicht mehr angewandt.

Oder die Eltern?

Ähnlich sieht es mit ADS aus. Das Aufmerksamkeitsdefizit kommt in unterschiedlichsten Familien gehäuft vor und kann nicht auf simple Erziehungsfehler zurückgeführt werden. Schon gar nicht auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dr. Scheidinger ist auf der Kinderpsychiatrie am AKH für Kinder mit ADS zuständig und sehr kritisch gegenüber einschränkenden Massnahmen zum Wohle des Kindes: „Solche Theorien sind kontraproduktiv. Gerade Eltern, die bereits vom Typus her sehr restriktiv sind, fangen dann an wie die Haftlmacher das Kind zu bewachen. Da wird das Würstel gestrichen und dort die Milch. Das steigert den Stress im Alltag. Und gerade ADS-Kinder können das nicht brauchen.“ Restriktiv können Eltern auf unterschiedliche Weise sein. Wer sich besonders stark um das Kind sorgt, kann auch auch besonders kontrollierend sein.

Oder die Ärzte?

Scheidinger will auch nicht bestätigen, dass Kinder im großen Ausmaß willkürlich ADS-Diagnosen umgehängt bekommen oder dass ihnen unverantwortlich Ritalin verschrieben wird. Natürlich kommen mehr Eltern zu ihm, wenn in den Medien besser über ADS aufgeklärt wird, und das ist auch gut so, weil die betroffenen Kinder Hilfe brauchen. Aber von einem Ansturm kann keine Rede sein. Das sei ein Mythos. Er erlebe überhaupt nicht, dass Eltern ihre Kinder einfach ruhig stellen wollen würden. Sehr viele würden hingegen trotz ärztlicher Empfehlung gegen die Verabreichung von Ritalin entscheiden.

Wie wird diagnostiziert?

Kinder mit ADS sind sehr neugierig, vielseitig interessiert, oft richtige Experten und selten nachtragend. Später im Leben können sie große Schwierigkeiten bekommen, weil ihr Selbstwertgefühl stark herabgesetzt ist. Kein Wunder. Sie können objektiv leichte Aufgaben oft nur unter großer Anstrengung erledigen. Das wirkt sich auf ihr ganzes Leben aus. Dadurch entwickeln sie häufig soziale Probleme und neigen signifikant oft zu Alkohol– oder Drogensucht – um sich quasi selbst zu medikamentieren. Wenn Kinder mit Verdacht auf ADS in die Ambulanz kommen, werden sie in vier unterschiedlichen sozialen Situationen beobachtet und dann wird ausgewertet, ob sie ihrem Alter entsprechend in der Lage sind, sich zu konzentrieren und ihre Impulsivität zu steuern. Außerdem wird ein Fragebogen von den Eltern und den LehrerInnen ausgefüllt. Wenn festgestellt werden kann, dass die Kinder unter ADS leiden, wird die weitere Vorgehensweise mit den Eltern besprochen. Es gibt nichtmedikamentöse Therapiemöglichkeiten, die bei manchen Kindern sehr gut anschlagen – und es gibt Ritalin. Wenn ein Kind auf Ritalin eingestellt werden soll, wird folgendes gemacht: Das Kind bekommt eine angemessene Dosis Ritalin und soll danach eineinhalb Stunden ruhig sitzen. Es kann derweil Kartenspielen oder einer anderen ruhigen Beschäftigung nachgehen. Wenn das Ritalin Wirkung zeigt, wird es vier Wochen lang in einem Doppelblindverfahren verabreicht. Das bedeutet: Das Kind bekommt zwei Wochen lang Ritalin und zwei Wochen ein Placebo verabreicht. Weder die Eltern, noch der Arzt noch das Kind wissen, wann was eingenommen wird. Das Verhalten des Kindes wird in dieser Zeit beobachtet. Wenn danach ein positiver Zusammenhang der Verhaltensbeobachtungen und des Zeitraums der Ritalingabe festgestellt werden kann, wird Ritalin verschrieben. Verhält sich das Kind über den ganzen Zeitraum gleich konzentriert, kann es weiterhin das Placebo nehmen, wenn die Eltern das wollen.

Wechselwirkungen

Ritalin steigert das Dopaminniveau im Hirn auf eine durchschnittliche Höhe und erleichtert dem Kind dadurch, sich länger auf etwas zu konzentrieren. Ein Nebeneffekt von Ritalin kann ein zeitweiliger Appetitverlust sein. Das Kind kann dadurch auch im Wachstum gehemmt werden. Das kommt nur selten vor und dieser Effekt ist nicht bleibend. Bei manchen Kindern kann das Medikament nach einigen Jahren wieder abgesetzt werden. Der Stoffwechsel reguliert sich dann von selbst. Ansonsten gibt es keine festgestellten Nebeneffekte. Kinder mit ADS, die sich jedoch nicht behandeln lassen, haben deutlich schlechtere Schulnoten, wechseln öfter die Schule und haben ein schlechtes Selbstvertrauen. Ihnen fällt es schwer, ihr Leben zu ordnen.

Übermenschen

Ein wichtiger Grund, warum Ritalin gesellschaftlich so negativ gesehen wird, ist – Achtung – Scientology. Die Scientologen fehlen auf keinem ADS-Kongress. Um besser Meinung zu machen, veröffentlichen sie unter dem Labeling Bürgerkommission für Menschenrechte (www.cchr.com) sehr coole Rapvideos, um gegen die Diagnose ADS an sich und gegen Psychodrogen für Kinder im speziellen Stimmung zu machen. Ihre Kampagne gegen ADS und Ritalin hat den eindrucksvollen Namen Stop Labeling Children und beinhaltet unterschiedlich falschen Content, wie beispielsweise eine lange Liste der Wechselwirkungen von Ritalin. Warum Scientology sich auf dieses Thema stürzt? Der Begründer der Scientology, Rob Hubbard, war im Brotberuf Science-Fiction-Autor. Ähnlich außerweltlich ist seine Theorie zur Heilung psychosomatischer Krankheiten und geistiger Störungen, die zum Ziel hat Übermenschen zu erschaffen. Dazu wandte er unterschiedliche Psychotechniken, wie die Gehirnwäsche an. Die Psychiatrie ist daher eine konkurrierende Fachrichtung. Interessant ist, dass gerade die Scientologen der Pharmaindustrie vorwerfen, nur auf Gewinnmaximierung um jeden Preis abzuzielen. Selber handeln sie nach demselben Prinzip – teilweise mit mafiösen Mitteln. Die ScientologInnen finden unter VertreterInnen der Esoterikszene, in Bildungseinrichtungen und unter JournalistInnen und in Walddorfschulen dankbare ritalinkritische MultiplikatorInnen. Beispielsweise den Neurobiologen Gerald Hüther. Er wird oft fälschlicherweise als Neurologe oder Psychiater bezeichnet und gibt gerne vor, mittels einer Studie an Ratten nachgewiesen zu haben, dass die Langzeiteinnahme von Ritalin das Risiko erhöhe, an Parkinson zu erkranken. Sein Experiment wurde aber bloß an fünf Ratten durchgeführt und brachte überdies überhaupt keinen Nachweis für seine These. RitalinkritikerInnen berufen sich trotzdem laufend auf ihn. Viele andere Persönlichkeiten mit nicht ganz klarem akademischen Hintergrund tauchen regelmäßig in den Medien auf, um gegen Ritalin Politik zu machen, und die Schuld an ADS auf versagende Eltern zu schieben. Rudolf Steiner-AnhängerInnen sehen vor allem Kinder von Alleinerziehenden als ADS-gefährdet an, meinen aber auch, dass Amalgam, Impfungen oder Coca-Cola ADS auslösen könnten. All diese Thesen sind wissenschaftlich widerlegt.

Nur 0,4 % Prozent betroffen

Jesper Juuls Meinung, dass Kinder mehr Langeweile brauchen und nicht dauernd bespaßt werden sollen, kann Scheidinger schon unterstützen: „Aber diese Bespaßungshysterie ist nicht die Ursache von ADS. Und sie zieht sich bei weitem nicht durch alle Schichten. Aber wenn ein Kind ADS hat, kann das andauernde In-Beschäftigung-Halten, zusätzlichen Stress bedeuten, weil das Kind sowieso schon Schwierigkeiten hat, seine Welt zu ordnen und dann kommen dauernd Impulse und Eindrücke dazu, die es erschöpfen.“ Scheidinger geht davon aus, dass in Österreich ca. 0,4 % der Kinder ADS haben. Und das seien zwar weit weniger als immer gerne angenommen wird, aber trotzdem genügend Kinder, die Hilfe brauchen.diagnose

Was passiert im Kopf eines ADS- bzw. ADHS-Kindes?

Ausgehend vom Aktivitätszentrum im Stammhirn werden interne Reize im Frontalhirn kontrolliert. Dabei wirken vor allem dopaminerge Kontrollsysteme unseres Gehirns dämpfend und somit konzentrierend. Dadurch können äußere Reize ausgeschaltet werden, und man kann sich auf ein momentan aktuelles Geschehnis konzentrieren. Dies ist bei einem ADS- bzw. ADHS-Kind nur sehr schwer bis gar nicht möglich. Ihr Dopaminniveau ist zu niedrig. Ob man äußere Reize kontrollieren kann oder nicht, hängt auch von Reifungsprozessen ab: Für Dreijährige ist es normal, dass sie sich nicht sehr lange auf etwas konzentrieren. Für ein Schulkind bedeuten Konzentrationsprobleme aber oft große Nachteile. Unbehandelte ADS- oder ADHS-Kinder werden deshalb oft um eine Standardabweichung schlechter beurteilt und haben ein höheres Risiko für Klassenwiederholungen und Schulwechsel.

Worin besteht der Unterschied zwischen ADS und ADHS?

ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und bedeutet, dass es einer Person sehr schwer fällt, sich längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren, besonders dann, wenn sie daran kein Interesse hat oder sich nicht kompetent fühlt. Bei manchen Betroffenen kann man durch Übungen eine wesentliche Verbesserung erzielen. ADS wird vor allem (aber nicht nur) bei Mädchen oft nicht entdeckt, weil die Betroffenen nicht weiter auffällig sind und sich genieren, weil sie einfache Aufgaben nicht lösen können. Daher bleiben sie oft im Hintergrund und entwickeln ein schlechtes Selbstvertrauen. ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom. Die Betroffenen können sich schwer konzentrieren und darüber hinaus auch schwer zur Ruhe kommen. Gerade im Kindergarten und in der Schule fallen solche Kinder auf. Sie brauchen sehr viel Raum und können die Geduld ihrer MitschülerInnen und des Lehrpersonals sehr auf die Probe stellen. Wenn sie lange Zeit still sitzen müssen, empfinden sie das selber als Qual. •

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