Dolly Schmidinger, unser aller Mutti

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Dolly Schmidinger erzählt über Herzschmerz, Mutterglück und neurotische Familien

kinder

Dolly Schmidinger war eine ungewöhnliche Mutter. Nicht ungewöhnlich gut vielleicht. Dolores Schimdinger wurde als Kind missbraucht, wuchs im verklemmten Nachkriegswien auf und kämpfte Zeit ihres Lebens gegen ihrer Alkoholsucht und Bulimie. Aber heute pflegt sie eine so herzliche Beziehung zu ihren zwei Töchtern, wie es sich so manche Vollzeit-Mama wünschen würde. 2012 erschien ihre Biographie Ich habe sie nicht gezählt.

Familie Rockt: Du wolltest als junge Schauspielerin wirklich
gerne Mutter werden. Hast du dir damals keine Sorgen gemacht,
wie sich das ausgehen wird?
Dolly: Ja, ich wusste überhaupt nicht, was auf mich zukommt! Ich habe das Mamasein nur aus den Pamperswerbungen gekannt und war schwer neurotisch. Aber meine Kinder waren sehr erwünscht. Ich habe nicht viel Zeit mit ihnen verbracht, weil ich dauernd auf der Bühne gestanden bin, aber ich habe es nicht bereut. Aber vielleicht haben sie es bereut! (lacht)
Sophie: Wir hatten eine Nanny, die unsere Hauptbezugsperson war. Die Tante Maria. Die ist auch mit uns auf Urlaub gefahren.
Dolly: Die war aber auch sehr neurotisch. Wir alle waren neurotisch. Vor allem ich und die Tante Maria. Voller Ängste und Panikattacken. Maria stammte aus dem Waldviertel und hat neun Kinder von ihrem Mann bekommen, der ein schwerer Alkoholiker war und sie in die Nieren getreten hat. Sie ist dann nach Wien ausgebuxt. Sie war eigentlich nicht belastbar mit zwei weiteren Kindern, aber das wusste ich damals noch nicht.

Aber es hat dann irgendwie geklappt?
Dolly: Es klappt ja im Endeffekt immer irgendwie. Danach kamen die Babysitterinnen.
Therese: Und die haben uns dann um Punkt 12 Mitternacht verlassen und sind gegangen, auch wenn die Mama noch nicht da war. Ich kann mich noch erinnern: Wir hatten einen Kanarienvogel. Den Hansi. Und dem sein Käfig ist bei uns im Zimmer gestanden. Eines Abends ist der Hansi immer wieder vom Stangerl runtergefallen. Und ich habe ihn immer wieder raufgesetzt und hab nach der Babysitterin gerufen. „Der Hansi fallt immer wieder runter!“ aber niemand ist gekommen. Der Hansi war natürlich schon tot.

DIE MÄNNER SIND GEKOMMEN UND GEGANGEN

Es war ein Dreimäderlhaus, oder? Männer waren nicht viele da?
Therese: Die Männer sind gekommen und gegangen (lacht).
Sophie: Nein, die Mama hat uns nie mit ihren Liebeleien belästigt. Nur die festen Beziehungen haben wir kennengelernt.

Wie hat dein Erziehungsstil ausgesehen?
Dolly: Damals hat es die antiautoritäre Erziehung bei uns noch nicht gegeben. Obwohl manche Leute gesagt haben, dass man den Kindern Grenzen setzen muss, ohne ihnen gleich eine Watschen zu geben. Und ich bin ein absolut harmoniesüchtiger Mensch gewesen und konnte überhaupt keine Grenzen setzen – bei niemandem. Erst nach einer 50 Jahre dauernden Therapie. Und ich hab mich am wohlsten gefühlt, wenn ich am Theater war und sie mit dabei waren. Das war dann für alle lustig. Sie sind im Publikum gesessen und haben mitgesungen, sodass alle auf meine Kinder in der ersten Reihe geschaut haben. Aber so eine Mutter im klassischen Sinne, wie es die Resi sich gewünscht hätte, war ich nicht.

Aber du warst ja dann trotzdem da, oder? Man konnte sich auf dich verlassen.
Sophie: Nein, sie war nicht da. Wir sind alleine aufgestanden, vom zweiten Schultag an. Und dann waren wir eben im Hort und wenn wir heimgekommen sind, war sie schon am Sprung und in der Nacht wenn sie heimgekommen ist, waren wir natürlich nicht mehr wach.
Therese: Aber sie hat uns das Gewand hergerichtet.
Dolly: Ja und Frühstücksbrot.
Sophie: Ja oder Geld fürs Frühstücksbrot. Wir haben uns dann eine Wurschtsemmel beim Greißler gekauft.
Dolly: In dem Jahr war ich auf Tour und bin immer erst um ein Uhr nachts heimgekommen. Wenn ich am Nachmittag daheim hätt sein sollen, hätte ich meine Arbeit nicht mehr ausführen können.

ICH HABE SIE NIE VERURTEILT

Sophie: Ich habe das aber nie verurteilt. Das war einfach so. Und dafür haben wir das Geld in den A**** geschoben bekommen. Und wir haben viel Spass gehabt. Wir haben es geliebt, mit der Mama ins Theater zu gehen.
Therese: Oh ja! Bei einem Stück gab es eine Torten-Tafel, die bis hinter die Bühne gegangen ist. Und dort, wo uns niemand mehr gesehen hat, durften wir sitzen und die Torte mitessen.
Dolly: Bei der Premiere war das noch eine tolle Torte, aber danach nur mehr ein Bisquitteig mit einer gfeuten Erdbeersahnesauce drauf. Aber sie haben sie gern gegessen und ich hab trotzdem nachher zwei Kilo abgenommen.

Haben die Kinder nie Probleme gemacht?
Dolly: Die Therese war schon recht schwierig, wie die Sophie auf die Welt gekommen ist. Aber damals war das noch nicht normal, dass man mit einem Kind zum Psychiater geht. Heute würde das sofort behandelt werden.

MEINE MUTTER WAR AGORAPHOB

Dolly, du hast viel Zeit mit deiner Mutter verbracht, oder?
Dolly: Ja, aber sie hat mich sehr am Erwachsenwerden gehindert. Am Ablösen. Sie hat mir alles vermiest, was außerhalb des Hauses war. Sport und Wandern und so weiter. Ich glaube, sie war agoraphob. Sie ist selber nicht gerne rausgegangen. Und die Bindung war nicht so gesund, weil sie zu eng war. Ich war ihr Partnerersatz, und das ist nicht gesund. Und ich weiß nicht, wie weit sie den Missbrauch mit-
bekommen hat. Ich glaub schon, und sie hat ein Kartell mit mir gegen den Vater zu bilden versucht. Aber beschützt hat sie mich nicht.

Habt ihr die Oma noch gekannt?
Therese: Ja, die war lieb. Bei ihr haben wir immer Cola gekriegt.
Sophie: Und Schnitzel.
Dolly: Ja, die war so eine, die sich darüber definiert:„Ich bin so lieb.“

War das freie Ausleben deiner Sexualtät eine Form der Emanzipation für dich?
Dolly: Die Rebellion gegen das muffige Establishment war die Verbalerotik. Und das versuche ich mir jetzt abzugewöhnen.
Denn meine Kinder hassen es. Es ist ja völlig aus der Zeit. Wenn du heute scheißen oder brunzen sagst, fällt ja keiner mehr vom Hocker. Und damals war das eine wunderbare Art, mit 20 verspätet die Pubertät auszuleben. Wir haben eine ungeheure Freude dabei gehabt.

VON ORGASMUS KEINE REDE

Wie wurde deine Sexualität durch den Missbrauch beeinflusst?
Dolly: Meine Sexualität war eigentlich meine Suche nach dem Vater. Die Nymphomanie ist eine Krankheit, bei der du Nähe suchst, die du nie bekommst. Von Orgasmus war eh keine Rede. Bei dieser Krankheit kommt es nie zur Erfüllung.

ICH HAB EINEN HANG ZUM KÜCHENPERSONAL

Der Ton im Buch ist ja sehr leichtfüßig und flott.
Aber es kommen auch traurige Töne durch.
Dolly: Ja, wenn man intelligent ist, dann merkt man das.
Ich bin sehr intelligent (kokett).

Wie war deine Beziehung zu deinen Töchtern durch die Jahre?
Sophie: Wir sind recht früh schon ausgezogen. Mit 15, 16. Da war dann der Kontakt nicht so stark. Aber er war immer da.
Dolly: Die Therese hat immer recht problematische Freunde gehabt.
Therese: Die Mama sagt immer, ich habe einen Hang zum Küchen-
personal (lacht). Ich habe ein Helfersyndrom und suche mir immer die schweren Fälle aus, die ich versuche zu heilen.

Und, ist dir schon was gelungen?
Therese: Ja. Ich bin seit vier Jahren mit dem Vater meiner zwei Kinder zusammen, und der hat sich auch aus der Gosse rausentwickelt (lacht).

Das ist ja sehr schön, wenn das gelingt! Habt ihr euch schon mal richtig Sorgen um die Dolly gemacht?
Sophie: Ja, als ihre dritte Ehe in die Brüche gegangen ist, da haben wir wirklich gefürchtet, dass sie wieder zum Saufen anfängt. Aber hat sie nicht.

Habt ihr das Buch gelesen? So arg schlimm ist es nicht.
Sophie: Nein, ich war bei der Lesung, und Andrea Händler hat mir gesagt, dass das eh die schlimmsten Passagen waren, aber mehr Einblick brauch ich trotzdem nicht. Aber warum sollte ich ein Buch lesen, in dem meine Mutter über ihr Sexleben schreibt?
Dolly: Muss wirklich nicht sein. Auch wenn meine Kinder etwas über ihr Sexualleben schreiben würden, würde ich das auch nicht so wahnsinnig gerne lesen. Das ist ein gesundes Tabu.

KINDER! DIE RESI HAT DIE REGEL BEKOMMEN!

Und wie hast du dann deine Töchter aufgeklärt?
Sophie: Die hat uns schon mit acht Jahren, wenn wir auf Schuland-
woche gefahren sind, eingebleut:„Nehmt ein Kondom mit!“ Über all diese Dinge wurde immer gesprochen.
Therese: Als ich die Regel bekommen habe, hat sie mich mit ins Theater genommen. Wir sind in die Damengarderobe gekommen, und die Mama hat gerufen:„Kinder! Die Resi hat die Regel bekommen!“ Und da sind alle zu mir gerannt und haben geschrien:„Gratuliere!“ Das war sooo peinlich!
Sophie: Deswegen habe ich es der Mama dann nicht gesagt, als ich die Regel bekommen habe! (alle lachen)
Dolly: Um das abzuschließen mit dem Verhältnis. Ich glaube, wir haben seit zwei Jahren ein super Verhältnis, oder wie lang?
Therese: Vier Jahre schon.
Dolly: Auch dass Therese immer mehr Liebe von mir wollte. Mehr Liebe, hat sie immer moniert. Das haben wir auch ausgesprochen.
Therese: Weil ich jetzt verstehe, warum es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Man kann es nicht ändern. Wir wissen das jetzt und lernen aus den Fehlern.
Dolly: Ich habe letztens gehört, dass Eltern darauf trainiert werden müssen, mit ihren Kindern über ihre Fehler zu sprechen, aber ohne zu jammern und voller Schuldgefühle, sondern einfach versuchen, objektiv zu erklären, warum man geworden ist, wie man geworden ist.

ICH BIN SCHON MIT 40 JAHREN SCHIRCH GEWORDEN

Aber wenn du nicht zum Trinken aufgehört hättest, wäre es schwierig geworden, oder?
Dolly: Irgendwann hätte ich sicher aufgehört. Du hast ja dauernd Schuldgefühle. Das hält man ja nicht aus. Und außerdem bin ich mit 40 Jahren schon schirch geworden und das wollte ich nicht. Jetzt kann ich es mir überhaupt nicht mehr vorstellen. Es hören auch immer mehr Leute auf.

Was hast du als Mutter richtig gut hingekriegt?
Dolly: Ethik. Die war mir wichtig und Humanismus.

Und was meint ihr, dass sie gut gemacht hat?
Sophie: Selbstständigkeit. Mir ist sie viel lieber als jede Gluckenmutter.

In einem Interview hat Dolores Schmidinger einmal gesagt:
„Dünn sein ist wie Lob bekommen.“ Ein unglaublich trauriger Satz. Man will sie drücken und abbusseln, weil sie so lieb, ehrlich und herzlich ist, wie sie ist. •
Interview: Patrice Fuchs
Fotos: Nathalie Badr

Dolores Schmidinger wurde 1946 in Wien geboren. Ihre Mutter war Lehrerin, der Vater Sänger an der Wiener Staatsoper. Mit 18 Jahren engagiert sie Gerhard Bronner ans damalige Kärntnertor Theater. Gedacht als beinschwingender Aufputz, wie Frauen eben damals beim Kabarett eingesetzt wurden. Doch entpuppt sich die Dolores als echte Komikerin, die die männlichen Komiker das Fürchten lehrt. Es folgt eine abwechslungsreiche Karriere als Kabarettistin, Schauspielerin, Autorin und Sängerin. Dolly verdient gut, bekommt ihre zwei Töchter, Therese und Sophie und heiratet dreimal. Ihr Leben verläuft aber nicht nur glücklich. Sie leidet Jahre lang an Bulimie und Alkoholsucht und versucht ihre Sehnsucht nach Nähe durch grenzüberschreitenden Sex zu kompensieren. Keine leicht verdauliche Mutterfigur. Viele Jahre Therapie haben sie aus ihrem Lebenschaos gerettet. Heute lebt Dolly abstinent und hat sich ihren rauen Humor erhalten. Tochter Therese arbeitet bei einem Telekommunikationsunternehmen und Sophie ist Kabinettsmitarbeiterin. Beide haben Söhne im Volksschulalter und letztes Jahr haben beide jeweils eine Tochter auf die Welt gebracht. Das alles und mehr beschreibt Dolores Schmidinger in ihrem neuen Buch: Ich habe sie nicht gezählt.

Ich hab sie nicht gezählt

Familie Rockt ist ein Elternmagazin und Elternblog – Portal. Das Magazin erscheint alle zwei Monate und bietet nette Artikel für Mütter und Väter und solche die es werden wollen. Auf www.familierockt.com können Eltern über ihr Leben mit Kindern bloggen.

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