Erwin Steinhauer: „Harmonie ist oft der falsche Weg“

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Erwin Steinhauer und Sohn Matthias über große und kleine Erziehungsdramen

familie

Erwin Steinhauer kennen wir alle. Wir sind quasi mit ihm aufgewachsen. Er lebt in einer schön eingerichteten Wohnung im 19. Bezirk. An den Wänden hauptsächlich Bilder, die sein Vater einst gemalt hat. Charakterstarke, wilde Gemälde. Sein Sohn Matthias ist auch Schauspieler. Die Züge vom Papa kann man in seinem Gesicht erkennen, aber es ist ein ganz eigener Mensch aus ihm geworden. Zwei Männer, die beide strahlen, aber nicht in Konkurrenz stehen. Matthias ist auch Papa von zwei Kindern, und daher können wir mit beiden über das Elterndasein reflektieren. Welche Fehler macht man? Was sind die schönen Momente?

Familie Rockt: Wie hat sich das Vaterbild in den letzten 30 Jahren geändert?

Matthias: Damals gab es kein Vaterbild. Heute gibt es eine gesellschaftliche Erwartungshaltung, dass wir Männer uns auch um die Kinder kümmern sollten. Früher war die Mama daheim und der Mann hat das Geld heimgebracht.

Erwin: Meine Eltern sind beide arbeiten gegangen. Auch meine Großmutter hat gearbeitet.

Die g’sunde Watsch’n stand damals noch außer Diskussion. Auch Mütter schlugen ihre Kinder. Bei Erwin Steinhauer war das Hauen Teil des Familiennamens, aber nicht Teil des Familienlebens.

Erwin: Ich bin von meinen Vater ein einziges Mal gezüchtigt worden. Da musste ich zur Strafe den Teppichpracker aus dem Klo holen, und dann trafen wir uns im hinteren Zimmer. Er dachte, ich hätte etwas gestohlen… Ich war damals noch in der Volksschule.

Trotzdem war meine Erziehung nicht gewaltfrei

Stehlen war absolut nicht akzeptabel?

Erwin: Nein, das war untragbar. Aber es hat sich dann herausgestellt, dass mir ein Mitschüler seinen Federhalter geborgt hat, weil er mir meinen unabsichtlich ruinierte. Mein Vater hat sich dann auch entschuldigt und die Erinnerung an dieses Mißverständnis war ihm ein Leben lang unangenehm. Papa war Maler und im Brotberuf bei der Wiener Feuerwehr. Die hatten damals 24-Stunden-Dienste. Daher war er jeden zweiten Tag nicht da. Was den Vorteil hatte, dass er auch nur die halbe Zeit mit meiner Mutter verheiratet sein musste (lacht). Aber daher musste meine Mutter die meisten Erziehungsaufgaben alleine übernehmen. Ich war ein Einzelkind und schrecklich ungezogen. Ich war schwer erziehbar. Und wenn sie sich gar nicht mehr zu wehren wusste, hat sie mit der flachen Hand auf die nackte Haut geklatscht. Und ich hab dann laut geschrien und dramatisiert, dabei hat das nur ein wenig gebrannt. Gewalt hat es aber bei uns nicht gegeben. Meine Kinder wurden auch nie geschlagen. Weil, wenn geschlagen wird, wird das weitergegeben. Das glaube ich schon.

Matthias: Das hängt ganz stark damit zusammen, was man selber in der Kindheit erlebt hat. Welche Werkzeuge hast du mir in die Hand gegeben? Welche Werkzeuge hat dir dein Vater in die Hand gegeben?

Erwin: Trotzdem war meine Erziehung nicht gewaltfrei, denn du weißt, dass laut schreien – laut – auch Gewalt ist.

Matthias: Wie stark die Väter selber da sind, so stark können auch die Söhne später für ihre Kinder da sein. Ich merke genau, wo die Inkompetenz in Zusammenhang mit meinen Kindern auftritt. Und da werde ich zurückversetzt in meine Kindheit. Mein Vater gerät leicht in Aufruhr und ist dann laut, und das ist bei mir genau dasselbe. Ich hab das so gelernt. Das bin ich. Ich hab das eingespeichert. Das einzige, was man da machen kann, ist: Reflektieren und vor allem: Obacht.

Erwin: Das Lustige ist, wenn man es selber mitkriegt. Wenn man plötzlich am Tisch sitzt und du siehst dein eigenes Spiegelbild. Mein Vater, dein Großvater, hat an mir, wenn ich mit meinen Kindern geschrien habe, sich erkannt. Und er war als Großvater ein anderer Mensch. Ein komplett anderer Mensch. Ich hab dann zu ihm gesagt: „Heast, warum warst‘ zu mir nie so liab?“ Und bei mir ist es jetzt auch ein bisschen so. Ich sehe meine Anlagen beim Matthias. Aber trotzdem finde ich, dass er ein toller Vater ist.

sohn Matthias

Sonst glauben sie, man kann jeden Schas’ 17 Stunden diskutieren

Wenn man Kinder hat, dann gibt es manchmal Momente, in denen man nicht mehr weiter weiß. Was tut man da?

Erwin: Reden, reden, reden. Versuchen, die Sache zu klären. Und manchmal hilft nur eine ganz autoritäre Vorgehensweise. Und dann sagt man: „Weil ich es sage.“ „Warum?“ „Weil ich will, dass du das bitte machst.“ Das ist auch wichtig wegen der Grenzen. Sonst glauben sie, man kann wegen jedem Schas’ 17 Stunden diskutieren.

Wenn man das Ziel hat, ausschließlich harmonische Tage mit seinen Kindern zu verbringen, bis sie 18 Jahre alt sind – wie geht das? 

Matthias: Das ist gar nicht die Aufgabe, glaube ich.

Erwin: Harmonie ist oft der falsche Weg.

Matthias: Das Leben ist viel mehr. Es geht im Leben viel um Auseinandersetzung und Reibung.

Erwin: Ich glaube, man lernt an der Disharmonie viel mehr als an der Harmonie. Genauso, wie man am Misserfolg mehr lernt als am Erfolg. Eine große Portion Disharmonie ist manchmal gar nicht so schlecht.

Matthias: Natürlich muss man das Kind unterstützen und nicht runterdrücken. Erziehung ist ein furchtbares Wort. Als würde man es an den Haaren hinter sich herziehen. Man muss es zum Neugierig-Sein anregen, nicht immer nur kritisieren.

Die Pubertät ist eine Geisteskrankheit

Matthias: Da hast du mich aber auch öfter erwischt.

Erwin: Da hab ich mir schließlich gesagt: Ich möchte wissen, wer seine Freunde sind und hab die Wohnung für sie aufgemacht. Meine Tochter war dann die Spionin und hat mich angerufen, wenn ich drehen war: „Bitte die schauen alles so komisch,“ hat sie gesagt.

Da gab es auch Leute, die abgestürzt sind

Wie verkraftet man das?

Erwin: Schrecklich! Man ist fort und kann nichts tun!

Ab wann hast du gedacht, dass er auf der sicheren Seite ist?

Erwin: Ich habe das meiste erst nach 15 Jahren erfahren. Wir sind beim Mittagessen gesessen und er hat in einigen Nebensätzen erwähnt, was er alles gemacht hat und ich habe mir gedacht: „Um Gottes Willen, wenn ich das gewusst hätte!“

Matthias: Ja, da gab es schon auch Leute, die abgestürzt sind. Die Jugendphase ist eine der spannendsten Phasen, und ich glaube, die Gesellschaft unterschätzt die Bedeutung und auch die Kreativkraft der Jungen. Die Jungen haben die Menschheit immer weitergebracht und erneuert. Das sollten sie auch heute mehr tun dürfen. Ihre Umwelt mitgestalten. Sie sind viel unmittelbarer und intuitiver. Da liegt ein Potential für die Gesellschaft. Auch wenn manchmal etwas daneben geht. Es gibt ein bisserl einen Eltern-Jugendlicher-Faschismus bei uns.

Erwin: Was glaubst du, war der schlimmste Satz in meinem Vaterleben? Ich bin in Salzburg drehen und bekomme einen Anruf von der Schule: „Bitte, können Sie kommen? Ihr Sohn hat die Schule angezündet.“

Da hast du deine Umwelt gestaltet?

Matthias: (lacht) Aber bitte, ich hab mich im Nachhinein sehr dafür interessiert, warum ich das gemacht habe, und mich viel damit auseinandergesetzt!

Familie Rockt: (lacht) Immerhin!

Matthias: Da geht es um Aufmerksamkeit.

Erwin: Hallo – Ich bin da! Der Vater ist gerade drehen. Wir zünden die Schule an und dann kommt er sicher wieder zurück (lacht).

Warum ist nicht der Großvater gekommen? Der war ja Feuerwehrmann.

Erwin: Na, so weit sind sie mit dem Feuer nicht gekommen. Sie haben in der Umkleide eine Jeansjacke angezündet und geschaut, wie gut die brennt. Die Schulleitung hat das etwas drastischer formuliert.

Matthias: Ah, interessant. Du hast mich mal Zigaretten rauchend am Schwedenplatz gesehen und gleich die Mama angerufen und gesagt: „Der Matthias sitzt bei den Junkies!“ (lacht)

Familie ist Luxus, meint Matthias. Und Erwin legt nach: Familie ist der Ort, an dem am meisten Gewalt passiert. Gleichzeitig ist er der Meinung, dass eine funktionierende Familie der schönste Platz ist,
um aufzuwachsen.

Erwin: Ich hab es nur phasenweise geschafft, in einer funktionierenden Beziehung meine Kinder groß zu ziehen. Bei den ersten beiden fünf Jahre und beim Stani noch kürzer.

Liegt das am Beruf?

Erwin: Ja sicher. In erster Linie liegt es an den Arbeitszeiten. So lange wir noch zu Hause gemeinsam gewohnt haben, haben die Kinder schon geschlafen, wenn ich heimkam, und wenn sie außer Haus gegangen sind, habe ich noch geschlafen. Das sind zwei Leben, die nebeneinander herlaufen. Das hat nichts mit Familie zu tun. Und außerdem bist du ständig mit neuen Leuten zusammen.

Man hat immer wieder neue Begegnungen?

Erwin: Freilich. Die Versuchung ist groß.

Gewalt ist ein Thema

Machst du irgendetwas anders als dein Papa in der Erziehung – also bewusst?

Matthias: Gewalt ist ein Thema. Obwohl nicht Gewalt. Ich bin nicht gewalttätig, sondern… ich bin …

Erwin: Polternd. Ein Schreihals.

Ein typischer Wiener Papa. Bisschen cholerisch?

Erwin: Das ist es, ja. Jeder Ausbruch ist nicht ernst gemeint, aber eindrucksvoll. Und bei Leuten meiner Statur spielt auch der Blut-
druck eine Rolle. Otto Schenk hat das auch gehabt, und wenn ich in der Josefstadt mal explodiert bin, hat der Otto gesagt: „Burli, hast deine Tabletten genommen?“

Matthias: Auf das muss man achten. Und es seinen Kindern erklären. Ich kann einfach manche Sachen nicht, und dann fühle ich mich bedrängt und beengt und muss mich frei machen. Das macht den Kindern Angst. Und ich merke, mein neunjähriger ist auch schon so. Und der Kleine auch.

Wir sind ja nicht nur dazu da, unsere Kinder zu strukturieren und motivieren, sondern wir wollen unseren Kindern ja auch schöne Erinnerungen mitgeben. Woran könnt ihr euch erinnern?

Erwin: Ich kann mich noch gut erinnern, als mein Vater mir zur bestandenen Aufnahmeprüfung ins Gymnasium einen echten ledernen Fußball geschenkt hat. Das habe ich mir immer gewünscht. Das hat mich wahnsinnig berührt. Weil er auch nicht so fußballbegeistert war.

Matthias: Ich erinnere mich gerne daran, wie wir als Kinder zur Bescherung ins Wohnzimmer gekommen sind. Das Fenster war offen und der Papa hat noch durch‘s Fenster quasi mit dem Christkind gesprochen: „Kommst eh nächstes Jahr wieder?“ und dann zu uns: „Kommt schnell! Da fliegt es! Oje, schad’, jetzt ist es schon weg.“ Viel geht bei uns über Illusionen, die wir für die Kinder erzeugen. Das müssen keine große Sachen sein – wie nach Disney World zu fahren. Das kann ein kleiner Scherz sein. Heute früh habe ich zum Beispiel das Kleid meiner Freundin angezogen, einfach um ihnen ein Lachen ins Gesicht zu zaubern.

Singt ihr auch viel miteinander?

Erwin: Ja, aber bei uns ist es Brauch, besonders falsch zu singen, weil das lustiger ist. Und weil wir nicht so gläubige Menschen sind, singen wir auch gerne garstige Weihnachtslieder.

Waren deine Eltern auch nicht gläubig?

Erwin: Nein. Ich bin so ein jüdisch-katholisches Gemisch, und deswegen hat das alles immer eine eigenartige Färbung gehabt. Bei uns ist niemand in die Kirche gegangen. Meinen Kindern habe ich das aber freigestellt.

Hast du, Matthias, deine Kinder taufen lassen?

Matthias: Das hat sich mir nie erschlossen. Ich konnte nie was damit anfangen.

familie drama

Wie hat der jüdischer Teil der Familie den Krieg überlebt?

Erwin: Mein Urgroßvater, Eduard Just, war in Theresienstadt. Mein Vater, der war damals 16 Jahre alt, hat meinen Opa in einer Klein-
gartensiedlung versteckt. Aber sie wurden verraten, daher kam mein Opa ins KZ und mein Vater wurde an die Front geschickt. Halbjuden hat Hitler noch eine Chance gegeben. Meine Tanten und meine Oma waren unterm Krieg in Schwechat versteckt.

Hattest du schon mal Angst um deinen Papa, Matthias?

Matthias: Da geht es viel um Gesundheit und Lebensstil.

Erwin: Ich habe wegen meinem Bluthochdruck aufgehört, Rotwein zu trinken. Irgendwann kommt bei jedem der Moment, wo man sagt, ich pfeif’ drauf und leb’ wie ich will. Oder man sagt, ich habe eine Verantwortung und ich will gesund alt werden.

Bereust du, dass du nicht früher aufgehört hast?

Erwin: Nein, ich hätte nicht aufgehört. Dazu hat es mir zu sehr geschmeckt.

Wen siehst du, Matthias, wenn du Erwin anschaust?

Matthias: Ich sehe meinen Vater und immer mehr auch den Menschen. Die Eltern sind für ein Kind sehr lange nur Mama und Papa und keine Menschen. Und irgendwann siehst du plötzlich diesen Menschen und denkst dir: „Oida, was ist das für ein Freak! Und der ist mein Vater!“ (lacht) Es geht um Verwundbarkeit und Angst und Trauer. Wenn du älter bist, siehst du diese Emotionen besser aber mit mehr Distanz. Und durch die Distanz erkennst du den Menschen.

Wenn du, Erwin, den Matthias anschaust: Wen siehst du da?

Erwin: Ich sehe mich. Plus viel mehr Begabung, als ich damals mitgebracht habe. •

Interview: Patrice Fuchs
Fotos: Tanja Schalling

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