Martin Millers Drama um Mutter Alice Miller

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Er ist der Sohn der großen Alice Miller. Sie ist die meistverehrte Psychoanalytikerin aller Zeiten. 100.000 Fans wünschten sich in den 70 ern nichts mehr als eine Mutter wie sie zu haben. Ihr Buch „Du sollst nicht merken“ beschreibt empathisch, wie sich das Kind den Bedürfnissen der Eltern anpasst, wie es immer wieder die Herzlosigkeit der Eltern verdrängt und schönredet, und wie es sich daher von seiner wahren Persönlichkeit entfernt. Leider reichte die Empathie bei ihrem eigenen Sohn nicht weit.

Schwarze Pädagogik

Alice Miller kritisierte die sogenannte schwarze Pädagogik, die bis in die 80 er Jahre gängige Praxis war: Kindern den Mund verbieten, sie ohrfeigen, keine eigenen Entscheidungen tre¤en lassen, sie kulturell und intellektuell einzuschränken. Alice Miller fühlte die Empathie in die vernünftige Psychoanalyse ein. Sie brachte einen kritischen Geist in das Freud-hörige schweizerische PsychoanalytikerInnen-„Kränzli“. Sie predigte Ehrlichkeit, Authentizität und respektvolle Liebe. Das Kränzli wußte das nicht zu schätzen und Alice Miller wandte sich daher von der Psychoanalyse ab.

Alice Miller und Adolf Hitler

Besonders viel Aufmerksamkeit bekam ihre Abhandlung über Adolf Hitlers Kindheit. Anhand der Forschung rund um seine Kindheit versuchte sie darzustellen, wie ein Kind, das unschuldig zur Welt kommt, so ein Unmensch werden kann. Sie versetzte sich in den jungen Adolf, der vom gewalttätigen, komplexbeladenen und selbstsüchtigen Vater Alois fast jeden Tag geschlagen wurde.
Was machte das mit ihm, dass der Vater ihn nicht beim Namen rief, sondern nach ihm pfi¤, als wäre er ein Hund? Der Vater Alois war als uneheliches Kind verarmter, ungebildeter Eltern aufgewachsen und hatte sich zu einem höheren Beamten emporgearbeitet.
Alice Miller:„Es sieht jedoch so aus, als sei dieser soziale Aufstieg nicht ohne Kosten für ihn selbst und andere möglich gewesen. Alois war zwar gewissenhaft, pflichtbewusst und fleißig, andererseits emotional labil, ungewöhnlich rastlos und möglicherweise zeitweilig geistesgestört. Zumindest eine Quelle legt nahe, dass er einmal in einem Asyl für Geisteskranke untergebracht war.“
Als Adolf mit elf Jahren von Hause davonlaufen wollte, schlug ihn der Vater bewusstlos. Er lernte daraus, dass Autonomiebestrebungen sinnlos, ja tödlich sein können.
Miller wies auch kritisch darauf hin, dass Hitlers Mutter immer wieder als verwöhnende, liebevolle Frau beschrieben wird. Man übersieht dabei, dass Verwöhnen nie mit Liebe gleichzusetzen ist, und dass Klara Hitler von ihrem Mann gepeinigt wurde, ihn aber über seinen Tod hinaus ehrte. Sie verhielt sich ihrem Sohn gegenüber nach dem Tod des Vaters genauso untertänig, wie sie es dem Vater gegenüber getan hatte. Sie hinterfragte nie seine Erziehungsmethoden und Patriarchenstellung.
Als Konsequenz darauf empfand Hitler keinen besonderen Respekt für Frauen, identifizierte sich mit dem „Herrn Vater“ und empfand gleichzeitig ein di¤uses Bedürfnis, die Mutter retten zu wollen.
Deutschland symbolisierte für ihn, laut Alice Miller, die Mutter. In das Judentum wurden die Gefühle der Minderwertigkeit hineinprojiziert, die er als geschlagenes, verhöhntes Kind empfunden hatte. Er war jetzt der Aggressor und konnte selbst die Schwachen hassen und peinigen.

Alice Miller und das Ghetto von Trybunalski

Diese Analyse brachte ihr viel Kritik ein. Wie konnte sie sich nur in diesen Unmenschen einfühlen und aus ihm ein Opfer machen? Wer Alice Millers Kindheitsgeschichte kennt, muss diesen Vorwurf kritisch hinterfragen. Sie hat ihn nicht zum Opfer gemacht. Sie hat versucht ihn verstehbar zu machen, um zu erklären, warum schwarze Pädagogik so gefährlich ist, und hat dabei festgestellt: Nicht nur die Schläge haben Hitler zu dem gemacht, was er war – auch der kritiklose Raum, in dem die Schläge stattgefunden haben.
Selber wuchs Alice Miller als Kind jüdischer Eltern südlich von Lódz´ auf. Ihr Vater war ein ängstlicher, religiöser Mann und ihre Mutter eine sture, einfältige Frau. Die Eltern liebten sich nicht, und beide hatten kein Verständnis für Alice Millers feinmaschige Seele und ihren herausragenden Intellekt. Sie fühlte sich daher immer fehl am Platz, hasste die jüdischen Traditionen und war sehr unglücklich.
Als die Judenverfolgungen anfingen, wurde ihr von Verwandten angeboten, mit ihnen zu fliehen. Aus Pflichtbewusstsein blieb sie mit den Eltern und der Schwester zurück. Die damals 16-jährige Alice rettete sogar Mutter und Schwester das Leben. Die Mutter wiederum setzte Alice’ Leben aufs Spiel, weil sie sich weigerte, ihre jüdische Identität zu verheimlichen. Der Vater war zu kränklich und sprach kaum polnisch und konnte daher nicht gerettet werden. Er starb im Ghetto. Alice Miller überlebte den Krieg, in dem sie sich vier Jahre lang eine falsche Identität zulegte und jeden Tag fürchten musste, entdeckt zu werden. Später gab Alice Miller zu, dass sie die Rettung der ungeliebten Mutter bereut hat. Sie hätte lieber mit den Verwandten fliehen sollen.

Martin Miller und seine Mama Alice

Martin Miller war ein Wunschkind, aber seine Eltern waren nicht in der Lage, ihn verantwortungsvoll zu versorgen. Sie gaben ihn wenige Monate nach der Geburt zu Verwandten. Von da an wohnte er mit einigen Unterbrechungen lange Episoden seiner Kindheit nicht bei den Eltern. Wie bei seinen Großeltern war auch die Beziehung zwischen seiner Mutter und seinem Vater, Andreas Miller, äußerst schlecht und konfliktbeladen. Vor allem der Vater war sehr gewalttätig und verhöhnend, während die Mutter sein Verhalten tolerierte.
Erst als Alice um die 50 Jahre alt war und anfing, ihre wichtigsten Werke zu verfassen, konnte sie sich von ihm trennen. Zu dieser Zeit war ihre Beziehung zu Martin besonders gut. Davor gab es ein ständiges Auf und Ab zwischen übermäßiger Kritik und symbiotischen Schüben.
Martin Miller konnte zeitlebens kaum zu ihr als Mensch durchdringen. Als würde sie immer noch unter falscher Identität im Ghetto leben, stand eine emotionale Mauer zwischen ihnen. Zeitweise kam ihm vor, dass sie die Verfolger in ihm sah. Alle schwierigen Erfahrungen des Krieges wurden von ihr in die Mutter-Kind-Beziehung projiziert. Die Angst um ihn, die Angst vor den anderen, die falsche Identität.
Als sie immer berühmter wurde, verstärkten sich die negativen Seiten ihrer Beziehung wieder. Alice Miller wurde misstrauisch, bestimmend und verurteilend. Alle Autonomiebestrebungen des erwachsenen Sohnes wurden von ihr bekämpft.
Als sie bei einem Therapeuten namens Stettbacher eine neue Form der Therapie anfing, wollte sie unbedingt auch ihren Sohn dazu überreden. Sie zwang ihn förmlich zu der Behandlung und bekam heimlich über den Therapeuten alle Tonbandaufnahmen seiner Therapiestunden übermittelt. Martin Miller war fassungslos , als er davon erfuhr. „Wenn man dann das Ganze erfährt, dann fühlt man sich nackt und total ausgeliefert, einfach beschämt.“
Sie zeigte kein Unrechtsbewusstsein. Er fing daraufhin an, Erkundigungen über Stettbacher einzuholen, und fand heraus, dass es sich bei ihm um einen Schwindler handelte. Er wurde folgerichtig auch vor Gericht gestellt. Alice Miller liess sich zwar die Augen ö¤nen, aber eine wirkliche Aussöhnung mit dem Sohn fand nicht statt. Bis zu ihrem Tod nicht.
Martin Miller glaubt, dass seine Mutter während der Stettbacher-Episode von der Angst während der Verfolgung in der Nazizeit durchflutet war. Sie wollte ihren uneinsichtigen Sohn unbedingt retten, wie sie damals die uneinsichtigen Eltern retten wollte. Es ging für sie wirklich um Leben und Tod. Auf Vernuftsebene war sie nicht erreichbar.
Alice Miller überschüttete ihren Sohn immer wieder mit starken Gefühlen, war aber nicht in der Lage ihm wertfrei, o¤en und liebevoll zu begegnen, obwohl sie genau das ihr Leben lang predigte.
Martin Miller hat viele Therapien gemacht und lange gebraucht, um das Drama seiner Mutter zu verstehen. Er sieht sie heute aus einer emotionalisierten Vernunftsperspektive. Er verherrlicht sie nicht. Er versteht sie. Er legt in Gedanken einen Arm um sie als Mensch, aber als Mutter kann er sie nicht lieben. Als Therapeut führt er ihre Theorien heute in die Praxis. Er will nicht nur theoretisieren sondern auch in der Realität etwas verbessern.

ICH MUSS MEINE FAMILIE NICHT LIEBEN
Martin Miller im Interview

Familie Rockt: Mit diesem Buch wurde Alice Miller selbst Vorlage einer biografischen Analyse, wie sie es selbst gerne vornahm. Wie würde Sie dieses Buch aufnehmen?

Martin Miller: Natürlich würde meine Mutter dieses Buch mit einer großen Ablehnung quittieren. Sie ändert sich ja nicht, nur weil sie gestorben ist. Der Sinn der Ablösung besteht ja eigentlich genau darin, dass man Entscheidungen selber fällt. Dass ich so ein Buch geschrieben habe, ist meine Entscheidung, und ich musste geradezu über die Mauer der Schuldgefühle springen, um es zu schreiben. Ich hatte dann auch keine Motivation, ein Abrechnungsbuch zu schreiben, denn ich fühlte mich frei, Themen zu wählen, wie ich es für richtig erachtete.

Wie sind Sie an das Thema herangegangen?

Martin Miller: Mir ging es vom Grundkonzept her darum, die Biografie meiner Mutter aus verschiedenen Perspektiven heraus zu beschreiben: Erstens aus einer journalistischen Perspektive. Die Leser ihrer Bücher verfügen über keine oder falsche Fakten zu ihrem Leben. Weiters war es mir ein Anliegen, die kindliche Perspektive zum Zuge kommen zu lassen. Das ist der Verweis ihre Theorie. Eltern bekommen erst durch die subjektive Erfahrung ihrer Kinder ein Profil. Zum Schluss versuche ich als Fachmann dem Leser Zusammenhänge aufzuzeigen, um das zum Teil verstörende und widersprüchliche Verhalten meiner Mutter zu erklären.

Seit wann wurde nur mehr das Foto ihrer Mutter publiziert, das auch auf dem Cover ist, und warum?

Martin Miller: Meine Mutter hat sich in ihren Jahren in der Provence immer mehr an ihre behinderte Tochter geklammert. Da ich ihre emotionalen Bedürfnisse nicht erfüllen konnte, musste meine Schwester den Kopf hinhalten. Sie machte auch das Foto meiner Mutter so, wie es Alice Miller wollte. So wie auf diesem Foto wollte meine Mutter gesehen werden. Darum habe ich dieses Cover gewählt.

Alice Miller stand immer für die intelligente Anwaltschaft des hilflos leidenden Kindes. Für viele Menschen hatte diese Kombination eine unfassbare Kraft. Aber laufen die Alice Miller-JüngerInnen nicht Gefahr, sich zu sehr als Opfer zu sehen? Und zu wenig als mittlerweile erwachsene Menschen, die oft auch Kinder haben…

Martin Miller: Meine Mutter war eine Pionierin in der Wahrnehmung des kindlichen Leidens. Zum ersten Mal gelang es einer Psychologin, emotional das subjektive Erleben eines Kindes gegenüber seinen Eltern zu beschreiben. Für viele Menschen bedeutete diese Sichtweise eine große Erleichterung, weil sie erstmals ohne Einschränkung das verletzende Verhalten ihrer Eltern erkennen und die dazu gehörenden Gefühle artikulieren konnten. Steckt man aber in dieser Haltung fest, dann bleibt man auch als Erwachsener das verletzte Kind, und das ist ein großes Hindernis, im Leben zu bestehen. Meine Mutter hat in ihren Büchern den LeserInnen keinen Weg aufgezeigt, wie man aus dieser verzwickten Lage wieder herauskommt. Nur merken, was einem angetan wurde, reicht eben nicht. Deshalb habe ich in meinem Buch die Fortsetzung dieser Theorie auf einer praktischen Ebene beschrieben.

Alice Miller hat sich als eine der ersten mit lauter Stimme gegen die schwarze Pädagogik gewandt. Ist die schwarze Pädagogik am Aussterben?

Martin Miller: Alice Miller hat den Begriff der Schwarzen Pädagogik von der Autorin Katharina Rutschki übernommen. Damit gemeint ist, dass Erziehung im klassischen Sinne eine Vergewaltigung des Kindes darstellt und psychotische wie neurotische Konsequenzen nach sich zieht. Erziehung als Repression verstanden gibt es heute immer noch. Die Erziehung des Kindes muss nicht abgeschaut, sondern in ihrer Handhabung reformiert werden, und zwar grundsätzlich.

Einschränkende Eltern wenden nicht immer klassische schwarze Pädagogik an, sondern korrumpieren das Kind auch mit narzisstischen Attitüden: Falsche Erhöhung, die eigentlich nur dem Ego der Eltern dient, übermässige und nicht authentische Aufmerksamkeit, Abwertung aller Menschen außerhalb des Familienverbunds, dem Kind unsoziale Handlungen durchgehen lassen, weil das Kind sich sonst „unwürdig behandelt fühlt“ etc. Wie überwindet der erwachsene Mensch diese narzisstischen Verhaltensweisen?

Martin Miller: Man muss Erziehung und den Missbrauch an Kindern unterscheiden. Kinder können emotional und physisch misshandelt werden. Immer mehr rückt heute der emotionale Missbrauch von Kindern in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Dabei geht es um eine narzisstische Ausbeutung des Kindes. Narzisstische Bedürfnisse der Eltern werden über das Kind ausagiert. In meinem Buch lege ich auf diesen Mechanismus großen Wert, denn gerade auch meine Mutter war vor der Versuchung nicht gefeit, sich an ihren beiden Kindern narzisstisch zu befriedigen. Lehnt dann ein Kind diese Bedürfnisse aus seinen eigenen Autonomiebedürfnissen ab, kommt es zum Konflikt. Übrigens ist die Magersucht von jungen Mädchen eine typische Erscheinung dieses Konfliktes. Dass die mageren Models ein Grund für die Verbreitung von Magersucht sind, ist eine Simplifizierung. Bei der narzisstischen Ausbeutung von Kindern durch ihre Eltern wird das Kind nur als Objekt wahrgenommen und diese Verhaltensweise hat verheerende Konsequenzen.

Wie kann man sich aus einer Kindheit lösen, die einem keinen Platz gegeben hat, sein eigenes Selbst zu entwickeln? Welche therapeutischen Arbeitsansätze wenden Sie heute an?

Martin Miller: Ich denke, da hat die Theorie meiner Mutter nichts an Aktualität eingebüßt. Es ist so wichtig, dass man als Therapeut dem Klienten die Möglichkeit gibt, durch subjektive Erfahrung seine eigene biographische Geschichte zu erkennen. Der Therapeut wirkt dann im wahrsten Sinne von Alice Miller als wissender Zeuge. In einem weiteren Schritt übernimmt der Klient als Erwachsener die Verantwortung für sich selbst. Er braucht seine Eltern nicht mehr, er löst sich ab und ist für die Fürsorge sich selbst gegenüber zuständig. Das ist meiner Meinung nach wirklich gelebte Autonomie im Sinne von Selbstverantwortung.

Ein großes Thema Ihrer Mutter war scheinbar ihr Wunsch nach bedingungsloser Loyalität. So selbstständig sie im Denken war, so sehr dürfte sie übermäßige Treue von zentralen Menschen ihres Lebens verlangt haben: von ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrem Mann, von Stettbacher…

Martin Miller: Meine Mutter war immer eigenständig, von anderen Menschen verlangte aber vor allem absolute Loyalität. Sie musste in Beziehungen alles kontrollieren. Sie perfektionierte ein symbiotisches Beziehungsverhalten. Sie verstand es meisterlich, andere Menschen dazu zu bringen, ihr eigenes Selbst aufzugeben. Oben habe ich schon diese Mechanismen narzisstischer Ausbeutung anderer beschrieben.
Ihre Mutter war doch bis zu ihrem Tod in ihrem Kindheits-Ich gefangen. Ihre ganze feinsensorische Empathie galt eigentlich ihrem eigenen kindlichen Selbst und dessen komplizierter emotionaler Konstitution. Sie waren fast ihr ganzes Leben lang, gezwungen sich in übermäßigem Umfang mit Ihrer Mutter und auch ihrem kindlichen Selbst zu befassen.

Was bleibt nach so viel anstrengender Beziehungsarbeit an Emotion ihr gegenüber übrig?

Martin Miller: Kurz, ich bin enttäuscht und fühle mich betrogen. Ich kann heute aber die Vergangenheit ruhen lassen, weil ich meine Biografie wirklich verstanden und aufgearbeitet habe. Ich glaube, das geht jedem Menschen so, der narzisstisch ausgenutzt wurde.

Die meisten Briefe ihrer Mutter wirken auf mich, als wollte sie lieber psychologisieren, anstatt eine klare Botschaft zu überbringen. Sind Sie anderer Meinung? Wie hat sie Ihnen ihre Liebe gezeigt?

Martin Miller: In erster Linie habe ich diese Briefe zitiert, um den vielen Leser von Alice Miller die andere Seite meiner Mutter zu zeigen. Diese Briefe sind für mich ein Beispiel schwarzer Pädagogik. Weiters zeigen sie auf, wie das Kind als Objekt wahrgenommen wird. Sie sind auch ein Beispiel für die narzisstische Wut, die ein Verweigern der unkritischen Liebe provoziert. Es ist für den Leser ho¤entlich nachvollziehbar, welche Ängste ein Kind aussteht, das unter einer solchen Bedrohung aufwächst. Wir haben heute immer noch kein Sensorium für diese Art von Umgang mit Kindern entwickelt. Wir sind uns auch nicht bewusst, was so eine Erfahrung für Konsequenzen nach sich zieht. Narzisstisch gestörte Menschen sind zu echter Liebe nicht fähig, auch meine Mutter nicht.

Mit welchen Problemen kommen Ihre Klienten heute zu Ihnen? Können Sie an die Theorien Ihrer Mutter anknüpfen?

Martin Miller: Die meisten Probleme sind Ablösungsprobleme und, wie oben beschrieben, emotionale, narzisstische Ausbeutung. Und ich kann wohl an die Theorie meiner Mutter anknüpfen.

Alice Miller hat heute noch eine große loyale Fangemeinde. Wie nimmt diese Ihr Buch auf? Wie reagieren die Medien?

Martin Miller: Die Medien haben bis jetzt sehr vernünftig und verständnisvoll reagiert. Ich habe eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht. Natürlich reagiert man schockiert, weil niemand mit dieser Realität gerechnet hätte. Die Fangemeinde reagiert unterschiedlich. Hauptsächlich sind die meisten froh, dass sie endlich wissen, wer Alice Miller als Mensch eigentlich war. Deswegen glauben sie aber nicht, wie ich übrigens auch, dass alles, was sie geschrieben hat, falsch wäre. Einige ihrer Verehrer können es leider nicht lassen, mich sehr persönlich anzugreifen und zu denunzieren. Aber das ist heute das Geschäft, wenn man sich ö¤entlich exponiert.

Der persönlichste Teil der Briefe ist für mich, als Außenstehende, das allerletzte Wort: Mami. War Platz für Mami – statt Mutter, statt Alice Miller – in Ihrer Beziehung?

Martin Miller: Nein, denn es sind Vorfälle zwischen mir und meiner Mutter passiert, die eine solche intime, vertrauliche Anrede nicht mehr vertragen.

Was haben Sie mit Ihrer Mutter gemeinsam?

Martin Miller: Eine hohe Sensibilität und die Gabe, psychodynami-
sche Prozesse lesen zu können.

Wo unterscheiden Sie sich besonders von Ihrer Mutter?

Martin Miller: Ich bin nicht ideologisch und habe zu meiner Vergangenheit ein viel entspannteres Verhältnis. Weiters habe ich es geschaut, theoretische Gedanken in die Praxis umzusetzen.

Sie haben sich nie wirklich mit ihr ausgesöhnt. Ist das für Sie trotzdem ok? Welchen Tipp haben Sie für andere Menschen, die mit Ihren Eltern zu keiner Versöhnung kommen konnten?

Martin Miller: Aus moralischen Gründen muss ich nichts machen, das ich nicht nachvollziehen kann. Ich muss meine Eltern nicht lieben, wenn es keine Gründe gibt. Als Kind aber habe ich keine Chance. Ich muss lernen, meine reale Beziehung zu meinen Eltern so, wie sie ist, zu akzeptieren. Das kann manchmal schwer und vor allem sehr schmerzhaft sein.

Ihr Buch wirkt, trotz der massiven Kritik, die Sie üben, wie ein großes Liebesgeständnis an Ihre Mutter. Sie scheinen ein sehr sehr lieber Sohn gewesen zu sein…

Martin Miller: Dieser Feststellung kann ich nur zustimmen. •
Patrice Fuchs

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