Willkommen im Wechsel!

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Ja, ich weiß: In Österreich haben wir noch nicht einmal das Themenfeld Menstruation (das ist das, wo die Frauen einmal im Monat bluten) breitenwirksam diskutiert. Und jetzt komme ich und will über Menopause sprechen?

Menopause

Nicht das “smarteste” Thema. An Frauenkörpern ist offensichtlich sehr viel unglaublich peinlich. Wenn über Binden, Ausfluss oder ausbleibende Perioden gesprochen wird, ziehen sich vor Scham sowohl Gebärmütter als auch Hodensäcke zusammen.

Menstruation war gestern

Den Menstruations-Teil hatte ich bereits mit 39 ein Stück weit hinter mir. Und ich fand das erleichternd. Ich sehe die Fruchtbarkeit nicht als Ausdruck meiner Identität (und ich kann gerne auf den Stress verzichten, draufzukommen, dass ich auf meine Tampons vergessen hab. Und ich kann auch darauf verzichten, verschämt fremde Frauen am Frauenklo nach einem Tampon zu fragen. Ja, wir fragen in der Regel verschämt. Ja, obwohl wir uns ziemlich sicher sind, dass alle Menschen am Frauenklo Erfahrung mit Menstruation haben. Und nein, das ist nicht vernünftig erklärbar).

Schon ab Mitte 30 beginnt der Östrogenspiegel bei vielen Frauen zu sinken. Ab 40 sinkt er bei fast allen Frauen. Manche Frauen haben während der ganzen Wechseljahre kaum Symptome. Die Symptome sind milder, wenn der Hormonspiegel sehr langsam und gleichmässig sinkt. Bei anderen Frauen stürzt das Progesteron aber ganz plötzlich ab. Sie entwickeln dann eine Östrogendominanz, weil die Östrogenwerte im Vergleich zu den Progesteronwerten hoch bleiben.

Wechsel

Hastiger Wechsel

So war das bei mir. Ich gehöre zu dem 1% der Frauen, die bereits vor 40 in den Wechsel kommen. Ab 40 Jahren bekam ich dafür heftige Depressionen. Immer zwischen 11.30 und 16.00 konnte ich die Wohnung nicht verlassen. Beziehungsweise das Bett. Ich konnte nicht arbeiten. Ich war wie gelähmt und ich fand den Gedanken, mir das Leben zu nehmen, sehr verlockend. Zu Mittag erlangte ich sogar täglich die Gewissheit, dass meine Kinder es auch ohne mich ganz toll hinkriegen würden. Ein fast psychotischer Zustand. Und absolut keiner, der zu mir als Person passt. Ich fühlte mich ferngesteuert und manipuliert.

Gegen Abend wichen die Depressionen – wie bedrohliche Schatten die langsam erblassen. Plötzlich war mein Leben wieder reizvoll und prickelnd. Ich ging schlafen und freute mich auf den nächsten Tag. In der Früh war ich voller Tatendrang – aber ab 11.00 merkte ich ein schleichendes Ziehen in meinen Körper. Ich wurde so schwer, dass ich mich nicht bewegen konnte und die Gedanken wurden finster und leer.

Ich habe daraus gelernt, dass unsere Hormone und Neurotransmitter eine ungeheure Macht über uns haben, und über das was wir als unsere Persönlichkeit verstehen.

So ging es mir 3 Jahre. Ich ging zu vielen ÄrztInnen. Niemand konnte mir helfen. Niemand schien zu verstehen, wie existenzgefährdend meine Situation war. Man machte Tests und konnte die Ergebnisse nicht analysieren. Man riet mir abzuwarten, obwohl jeder Tag eine Qual war. Ich hatte so viele Detail-Fragen, aber man konnte mir nicht einmal die selbstverständlichste beantworten – wie zum Beispiel: Könnte es tatsächlich an den Wechseljahren liegen, dass ich mich seit 3 Jahren immer zur Mittagszeit umbringen will?

Antidepressiva statt Hormone

Sie schickten mich zu einem Psychiater, der mir Antidepressiva verschrieb. Ich nahm sie, aber es ging mir nicht besser, nur komischer. Nach einigen Monaten setzte ich sie ab und dachte mir: Wieder ein paar Monate am Weg zur Heilung verloren.

Es bekommen übrigens viele Frauen im Wechsel Antidepressiva verschrieben, obwohl sie eigentlich Hormonprobleme haben.

Ich ging zu mehreren GynäkologInnen und zu zwei EndokrinologInnen. Der letzte gab mir eine Eisen-Infusion, die 200€ kostete. Und nein, mein Leben veränderte sie nicht.

Dann endlich bekam ich Hilfe und es war überhaupt nicht kompliziert: Der Facharzt las meinen Befund und verschrieb mir Progesteron und nach zwei Wochen war ich emotional stabil. Und blieb es.

Erst in den letzten Wochen habe ich wieder leichtere Hitzewallungen, Gelenkschmerzen und kurze 10-Minuten-Depressionen bekommen. Die halbjährliche Überprüfung meines Hormonstatus stand aber eh grad an. Und der neue Befund ergab, dass mein Östrogen versiegt ist. Nicht mehr messbar. Ich bin also jetzt in keiner Prämenopausenphase mehr. Der Prozeß ist quasi abgeschlossen. Jetzt nehme ich zum Progesteron auch Östrogen. Das ist gut für die Knochen und für die Stimmung.

Let´s talk about Menopause!

Im Netz stehen nur Oberflächlichkeiten über den Wechsel. Dabei habe ich viele Fragen zur Menopause! Zb.: verliert ein abgelaufenes Östrogen-Gel seine Wirkung? Kann man zu viel Östrogen-Gel nehmen und wenn ja, wie merkt man das? Warum nimmt man von zu viel Östrogen zu, aber von zu wenig Östrogen auch?

Auf youtube findet man Erklär-Clips für jede Reparatur von jeder Stelle an jedem Auto, jeder Marke und aus jedem Baujahr. Aber wenn ich Details zu einer Lebensphase wissen will, die 50% der Menschen durchlaufen, werde ich mit Pauschalitäten abgefertigt.

Für die Menopause braucht man sich nicht genieren. Es ist was es ist: ein komplexes und ein wichtiges Thema, das alle Frauen betrifft. Ich habe mich selten so wenig ernst genommen gefühlt, wie in der Zeit, als ich wegen meiner Hormonprobleme Hilfe gesucht habe. Wenn ich mich über einen schlampigen Paketdienst beschwert hätte, hätte ich deutlich mehr Mitgefühl bekommen. Es braucht mehr Gespräche und Informationen über den Wechsel. Denn viele Frauen leiden in dieser Zeit und offensichtlich ist es nicht leicht Hilfe zu bekommen.

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2 Kommentare

  1. wie gern würd ich wissen, wer der tatsächlich wissende Experte war … bei mir: chronische Schmerzen, aber dass das von den Hormonen kommt? nein, kann nicht sein … 2 Gyns, SchmerzexpertInnen, HausärztInnen.

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