Narzissten und Liebe

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Narzissten sind zwar häufig einnehmende Persönlichkeiten, aber nicht die liebevollsten Partner.

Sie fordern viel, geben wenig und sind verletzend und kalt. Sie beleidigen ihre Partnerinnen und erwarten trotzdem geliebt zu werden. Bärbel Wardetzki hat sich intensiv mit weiblichem Narzissmus auseinandergesetzt und beschreibt wie schwierig sich narzisstische Beziehungen gestalten und dass auch die aufopferndste Person gewaltige narzisstische Neigungen in sich trägt.

Bärbel Wardetzki ist Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Sucht, Kränkung und narzisstischen Selbstwertproblemen.

Familie Rockt: Sind NarzisstInnen häufiger Männer oder sieht weiblicher Narzissmus anders aus?
Bärbel Wardetzki: Es gibt einen typischen männlichen und einen weiblichen Narzissmus. Es gibt aber auch Männer mit einer weiblichen narzisstischen Struktur im Sinne von Minderwertigkeitsgefühlen und Abhängigkeit, aber meist verkörpern sie eher den grandiosen, überheblichen Typus. Narzissten wollen geliebt werden, aber wenige Beziehungsverpflichtungen eingehen. Wer mit einem Narzissten zusammen ist, muss diesen glorifizieren, um für ihn attraktiv zu sein. Narzisstische Männer sind für die Partnerinnen die Könige der Welt. Wenn er einen Blödsinn sagt, hat er es eigentlich ganz anders gemeint. Wenn er ein Projekt angeht, ist es grundsätzlich genial. Wenn er sie verletzt, macht er das nur, weil er sie so sehr liebt. Wenn er zur Tür hereinkommt, werden alle anderen unwichtig. Dabei erfüllen auch die Frauen ein narzisstisches Persönlichkeitsmuster. Man nennt sie Komplementärnarzisstinnen.

Was kennzeichnet die Komplementärnarzisstin?
Bärbel Wardetzki: Sie wird selten wütend, sondern passt sich immer weiter an, nimmt immer noch mehr Schuld auf sich, glaubt, alle Probleme lägen an ihr und verliert sich völlig. Der narzisstische Partner bleibt meist unangetastet. Aber wenn die Komplementärnarzisstin offen zu leiden beginnen, ist das für ihn ein Affront. Er will keine Konflikte klären, wehrt ab und lässt den anderen damit allein. Die Kluft zwischen ihnen wird immer größer. Und damit auch die gegenseitigen Vorwürfe und Entwertungen.

Inwiefern sind KomplementärnarzisstInnen selber narzisstisch? Sie wirken eher, als würden sie sich selbst total aufgeben.
Bärbel Wardetzki: Der Narzisst findet sich großartig. Er hat natürlich auch Minderwertigkeitsgefühle, aber die verdrängt er. Stattdessen darf die Partnerin diese ausleben. Der Narzisst lebt den offenen Narzissmus mit Dominanzstreben, Egoismus und Misstrauen. Die Komplementärnarzisstin zeichnet dementsprechend ein verdeckter Narzissmus aus mit Gehemmtheit, übermäßiger Empfindlichkeit und hoher Selbstentwertung. Ihren Narzissmus lebt sie durch die Identifizierung mit dem tollen Partner aus.  Sie sieht alles in ihm, was sie gerne sehen will. Dabei spielt keine große Rolle, wie er wirklich ist. Sie baut sich ihren Traumpartner zusammen, wie sie es braucht. Aber immer wieder gibt es Phasen, in denen klar wird, dass der Narzisst diesem Traumbild nicht gerecht werden kann. Dann wackelt das System. Der Narzisst fürchtet sich vor Minderwertigkeitsgefühlen, wird grob und verletzend und versucht die unangenehmen Gefühle mit viel Drama zu überspielen. Seine komplementärnarzisstische Partnerin muss den Part der Minderwertigkeit an seiner statt übernehmen. Beziehungen zwischen Narzissten und Komplementärnarzisstinnen sind nicht innig, sondern sehr konstruiert und voller extremer Gefühle. Es geht nicht um den anderen Menschen, sondern darum, was man gerne in diesem sehen will. Der Narzisst will keine gleichwertige Partnerin an seiner Seite, aber gleichzeitig sieht er auf jene herab, die ihn vergöttern. Er ist ein sehr fordernder, unpersönlicher und misstrauischer Partner. Zuviel Nähe verträgt er nicht, weil er Angst vor einer symbiotischen Verschmelzung mit dem Partner hat.

Warum wird eine Frau zur Komplementärnarzisstin?
Bärbel Wardetzki: Weil Frauen meist die Minderwertigkeitsseite besetzen. Sie haben es so gelernt. Jahrhunderte von weiblicher Abwertung haben den Boden dafür bereitet.

Wie kann die Kindheit einer Komplementärnarzisstin bzw eines Narzissten ausgesehen haben?
Bärbel Wardetzki: Oft liegen Selbstwertverletzungen durch mangelnde Spiegelung oder Verwöhnung vor. Das Kind muss einem Bild entsprechen, statt sich so zu entfalten, wie es zu ihm passt. Damit es das kann, muss es authentisch gespiegelt werden. Was bedeutet authentisch spiegeln? Nehmen wir ein profanes Beispiel: Ein Kind jammert über Bauchweh. Es meint, es habe Hunger obwohl es gerade gegessen hat. Den Eltern ist klar, dass es damit die Schlafenszeit hinauszögern will. Wie spiegelt man nun sein Verhalten authentisch? Wenn es kein Brot mehr bekommt, wird das Kind trotzig reagieren, weil es seinen Willen nicht durchsetzen kann, sich aber auch beruhigt fühlen, weil die Eltern verstehen, wie es tickt: „Du kannst keinen Hunger haben, weil du gerade gegessen hast. Du willst jetzt gerne ein Brot haben, damit du nicht schlafen gehen musst.“ Durchschaut zu werden, kann sehr erleichternd sein. Was passiert, wenn man mitspielt und sich übermäßig um das hungernde Kind sorgt und aufwendige Speisen auftischt? Das Kind fühlt sich nicht geborgen, wenn es die Eltern so leicht manipulieren kann. Es fühlt sich nicht authentisch behandelt, denn es ist ja gar nicht hungrig und eigentlich wissen alle, dass es nicht hungrig sein kann. Trotzdem wird eine große Sache rund um das arme hungrige Kind gemacht. Mit der Zeit fängt es an, sich seine kleinen Lügen selber zu glauben. Dadurch entsteht in ihm eine Gefühlverunsicherung. Es kann sich nicht mehr auf seine Gefühle verlassen. Will es jetzt länger aufbleiben, oder hat es tatsächlich Hunger?

Welche Rolle spielt Symbiose in der Kindheit von Narzissten?
Bärbel Wardetzki: Oft hat das mit Liebe zu tun: Ich liebe dich, wenn du bist, wie ich dich haben will, ansonsten verlasse ich dich. Viele Eltern sehen in ihren Kindern Dinge, die außer ihnen niemand recht erkennen kann. „Er ist ein richtiger Kämpfer.“ Das kann eine Mutter über einen Buben sagen, der eigentlich eher verzweifelt ist und daher seine Frustration über die hohen Ansprüche der Mutter offen auslebt. „Sie ist motorisch nicht so gefestigt, dafür sprachlich weit vorne.“ Kann ein Vater sagen, der im Vergleich mit anderen Altersgenossinnen erkennen müsste, dass seine Tochter sowohl sprachlich wie auch motorisch durchschnittlich begabt ist. Manche Eltern haben Schwierigkeiten, ihr Kind realistisch zu sehen und viele Eltern wollen unbedingt Außergewöhnliches an ihren Kindern entdecken. Wenn die Kinder diesen Wunsch nicht erfüllen können, werden sie von ihren Eltern abgewertet. Das kann offen oder subtil passieren.
Die meisten Kinder sind nun mal relativ durchschnittlich und müssen trotzdem lieb gehabt werden. Und wenn man keine narzisstische Neigung hat, funktioniert das auch ganz fabelhaft. Wenn die Eltern zu sehr in ihren Kindern aufgehen, es über den Klee loben, voller Erwartungen sind, immer genau wissen, was in dem Kind vorgeht, ohne es jemals ehrlich interessiert danach zu fragen, dann entwickelt das Kind kein eigenständiges Selbst. Schon im Säuglingsalter entwickeln Menschen erste Anteile eines eigenständigen Selbst, wenn man sie lässt. Sie müssen darin bestärkt werden und sozusagen die Erlaubnis erhalten, sich als Individuum zu entwickeln. Erlebt eine Mutter diese Loslösungstendenzen als bedrohlich, wird sie sie eher hemmen als fördern. Es gibt für das Kind entweder nur Anpassung oder Autonomie, aber nicht beides zusammen. Später im Leben bedeutet das, dass man nicht lieben und gleichzeitig ein Individuum sein kein. In einer intimen Beziehung wird dann entweder mit Selbstaufgabe reagiert, oder man lässt sich nicht wirklich auf den anderen ein. Der Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt ist ein zentraler Konflikt in der Entwicklung des Kindes. Deutliche Auswirkungen einer symbiotischen Erziehung kann man oft in der Endphase des Studiums erkennen. Es ist sozial akzeptiert, sich während des Studiums von den Eltern erhalten zu lassen, und daher kann das Kind seine Kindheit ohne weiteres ins Studienleben hinein verlängern. Die Diplomarbeit aber wird zum belastenden Endlosprojekt. Denn was wartet nach dem Abschluss? Ein eigenständiges Erwachsenenleben, dem sich das Kind nicht gewappnet fühlt. Nicht zuletzt, weil die glorifizierten Eltern auch glorifizierte Erwartungen an das Kind haben. Es sollte ja was Tolles aus ihm werden…

Warum ist es so gefährlich, sich grandios zu fühlen? Wie wirkt Grandiosität mit Minderwertig und Authenzität zusammen?
Bärbel Wardetzki: Es ist nicht gefährlich, es bringt nur weg vom wahren Selbst, von dem, wie ich bin. Ich muss immer besser sein, als ich bin, und das hält man schwer durch. Authentisch sein heißt, so sein, wie man ist. Man muss sich, wie man ist, annehmen können, ohne sich vor allen anderen immer besser darstellen zu müssen. KomplementärnarzisstInnen stellen sich selten toll dar, tragen aber insgeheim sehr wohl auch grandiose Selbstbilder mit sich herum. Sie trägt romantisierte überhöhte Vorstellungen von sich herum, lässt sie aber in ihrer Demut selten heraus. NarzisstInnen hingegen sind SpezialistInnen darin, sich toll darzustellen und andere für sich einzunehmen. Sie versprechen immer mehr als sie halten können. Wenn sie ihre Versprechen nicht einlösen können, gibt es 1000 plausible Ausreden dafür. Ein Muster, das immer wiederkehrt. Kritik wird nur scheinbar angenommen – nämlich um kritikfähig zu wirken, denn das gilt als positive Eigenschaft, und der Narzisst hat nur positive Eigenschaften.

Wie kommt eine Komplementärnarzisstin aus der Beziehung mit einem Narzissten raus?
Bärbel Wardetzki: Indem sie sich um sich kümmert, statt immer auf den Partner zu schauen, sie ihren Selbstwert woanders stärkt, als durch seine Zuwendung und sie ihr Leben in ihre Hand nimmt.
KomplementärnarzisstInnen durften sich nie zu eigenständigen Mensch entwickeln. Sie kennen keine Selbstwirksamkeit. Sie haben nicht das Gefühl: „Wenn ich etwas will, dann setze ich Dinge in Bewegung und dann bewegen sie sich auch – und zwar in die Richtung, die ich bestimme.“ Sie haben Angst vor dem Tun. Sie haben Angst, dass alles außer Kontrolle gerät. Sie glauben nicht daran, dass sie die Dinge beeinflussen können. Narzisstinnen glauben das schon. Sie sind sogar davon überzeugt, dass sie das Unmögliche möglich machen können. Aber sehr oft packen sie trotzdem ganz einfache Aufgaben nicht an, weil ihre unbewusste Angst vor dem Versagen so groß ist.

Narzissten halten Selbstkritik schwer aus. Einen Makel an sich festzustellen ist für sie kaum zu ertragen. Ist dann eine Heilung durch Therapie überhaupt möglich? Eine Therapie baut ja vor allem auf die heilende Wirkung der Selbstreflektion?
Bärbel Wardetzki: In der Regel geht dem Beginn der Therapie eine Krise voraus, die anzeigt, dass das bisherige System nicht mehr funktioniert. Im therapeutischen Kontakt geht es darum, eine unterstützende Beziehung aufzubauen und den Selbstwert zu stützen. Die Zugewandtheit des Therapeuten, der wohlwollende Blick auf den Klienten und das Bemühen um Verständnis wirken heilsam.

Und wie hoch sind die Heilungchancen bei einer Komplementärnarzisstin?
Bärbel Wardetzki: So hoch, wie sie motiviert ist, sich zu verändern. Und da geht es wieder um die Selbstwirksamkeit. Komplementärnarzisstinnen müssen lernen, aus sich selbst zu schöpfen. Dazu müssen sie aufhören zu projizieren und zu träumen. Sie müssen mitten ins Leben gehen und Dinge in der Wirklichkeit anpacken. Eine Ausbildung anfangen, einen Umzug organisieren, sich selber Wünsche erfüllen, sich zwingen, anderen Menschen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, sich eingestehen, wo sie Stärken aber auch Schwächen haben. Das alles stärkt ihr eigenes Selbstwertgefühl. Und wenn das gestärkt ist, brauchen sie es nicht in einem anderen Menschen zu parken. •

Patrice Fuchs

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2 Kommentare

  1. Interessante Halbwahrheiten. Es ist halt eine Frau die sich da äussert. Weiblicher Narzissmus hat aber eher was mit Botox, Kosmetik-OPs, Plastikbrüsten, Shoppingwahn, Lügen-Feminismus zu tun. Ungebremster Egoismus und Hypergamie, durch sexistische Gesetze unterfüttert. Wir Männer müssen wirklich lernen, diese unheilvollen Symptome richtig anzugehen 😉

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