Body and Soul

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Nach dem ersten Blograusch hatte ich länger keine Lust mehr zu schreiben. Nein, ich hab immer noch keinen Job. Das Leben als Arbeitssuchende ist eher unprickelnd, ein ständiger Kampf gegen den Frust. Wenig Witziges zu berichten aus dem gleichmäßig oszillierenden Spektrum von Bewerbungen und Absagen.

Und die Familie? Nun ja, ich erziehe meine Kinder allein. Ganz allein. Nein, das stimmt nicht: An Erziehung glaub ich nur bedingt. Ich betreue sie allein. Ich koche allein, gehe allein einkaufen, bin jeden Abend zu Hause, ich mache allein die Betten, ich räume allein das Spielzeug ein, ich hänge allein die Wäsche auf. (Die Kinder helfen manchmal mit, ja.) Ich treibe an zum Zähneputzen, zum Anziehen, ich lese vor, ich bin die Mama Katze und abwechselnd Kinderärztin und Patientin und ich höre mir die komplizierten Feindschaftsbeziehungen von Spiderman an. Andere Erwachsene sind wenig beteiligt. Väter glänzen durch weitaus überwiegende Abwesenheit. Und Großeltern üben sich in leise bedauernder Zurückhaltung. Da ist nichts zu holen, nichts zu erwarten, da muss ich immer die Überforderung der Großeltern und der Kinder mitbedenken.

Aber ach, wie kann ich darüber schreiben, ohne verbittert rüberzukommen und als armes Hascherl? Wie kommuniziere ich Existenzangst, Verzweiflung und Überforderung als persönliche und gesellschaftliche Realität, ohne dass die einen mit der Achsel zucken und sagen: „Selber schuld, hätt‘st dir halt einen besseren Mann ausgesucht.“ Und die anderen mit der Achsel zucken und sagen: „Selber schuld, hätt‘st halt was G‘scheites studiert.“ Und die dritten einen anlachen und sagen: „Komm, nimm’s nicht so schwer, mach ma ein paar Schmähs drüber.“

Und, doppel-ach, das Dorf, das man ja braucht, um Kinder aufzuziehen. Dieser Spruch macht mich nur mehr grantig. Da werde ich so sauer, wenn ich Artikel wie diesen lese: http://derstandard.at/1369362089355/Soziale-Netzwerke-werden-die-Familie-ersetzen

Das ist schlicht Blödsinn. Unmöglich. Jede der Freundinnen, die ich habe, egal ob mit Kindern oder ohne, hat dermaßen genug mit ihrem Leben zu tun, mit Arbeit, Beziehung, Weiterbildung und eben eventuell Kindern, dass es mir nicht im Traum einfallen würde, regelmäßige Hilfestellung von ihnen in meinem Leben zu erwarten. Und ja, ich habe das ausprobiert, Alleinerzieherinnen-WG, wo man voneinander Unterstützung erwartet und einfordert, aber in Wahrheit ist die Freundschaft im Sinne einer Beziehung nicht eng genug, als dass man wirklich Werte und Einstellungen in aller Klarheit und Offenheit miteinander aushandeln kann. Es war anstrengend, aufreibend und vor allem für die Kinder viel zu undurchsichtig, wer da jetzt für was wie wann zuständig ist.

Mit Lebenspartnern, Eltern, Geschwistern sind solche Auseinandersetzungen eher möglich, weil die Beziehungen ja so angelegt sind, dass es ans Eingemachte geht. Das ist doch der Sinn von Familie, dass man das Zusammenleben und Füreinander-Da-Sein und eben auch das Verantwortung-Übernehmen in diesen Beziehungen definiert. Freundschaften sind für mich anders gelagert, können sich lockern und wieder festigen, je nach Lebenssituation, sind offen und formbar, ein freies Sich-Begegnen. Nichts ist fataler und führt zuverlässiger zum Ende einer Freundschaft als ein Ungleichgewicht in der Bedürftigkeit nach Beistand.

Das Beste in meinem Leben derzeit: Ich mache wieder etwas für meinen Körper. Komische Formulierung eigentlich, denn ich mache ja etwas MIT meinem Körper. Das macht mir wirklich unglaublichen Spaß. Es ist so schön ungeistig, ich muss nicht nachdenken, nur die Pushes mitzählen bzw. nicht zu oft auf den Counter schauen. Natürlich ist es skurril und in höchstem Maße widersinnig, wenn man in einem geschlossenen Raum auf einem Laufband läuft, während draußen die Sonne scheint (wenn sie das doch mal tut). Aber selbst darüber will ich nicht nachdenken. Und nein, ich nehme NICHT ab. Ich nehme zu, aber ich genieße, dass sich Bauch- und Arschfett in erkenn- und spürbare Muskeln verwandelt…

Und zum Schluss eine Frage, ausgehend von diesem Interview: http://leben-ohne-limit.com/5146/herzensangelegenheiten-ein-interview-mit-marei-kiele/ und dieser Passage darin:

„Für mich ist der erste Schritt, und vielleicht der wichtigste, das Finden unserer
Herzensangelegenheit zu unserer Priorität zu machen. (…) Es beginnt also mit einer Entscheidung und Ausrichtung auf dieses Ziel.
Das, worauf ich mich ausrichte, das zieht mich an. Und dann bekomme ich von
meiner inneren Stimme jederzeit Informationen, die mich meinem Ziel näher
bringen. Unsere Intuition ist dabei wie ein Navigationsgerät im Auto.

Wenn wir als Ziel „meine Herzensangelegenheit“ eingeben, dann sagt unsere
innere Stimme kontinuierlich „jetzt hier abbiegen, dort geradeaus“ usw. Sie
sagt uns nicht die gesamte Route, aber immer wieder den nächsten Schritt.“

Muss ich also nur „Herzensangelegenheit“ eingeben, ohne Adresse, Religionszugehörigkeit  und Schuhgröße derselben zu kennen und mein inneres Navi führt mich hin? Das ist meine etwas flapsige aber durchaus ernst gemeinte Frage an die Allgemeinheit für heute…

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12 Kommentare

  1. Ich muss da auch noch was dazu posten. Ich find deine Beschreibung zum dem Standard Artikel so super, und ja!!! Außerdem blog is blog und life is life, meine deutsche J meint immer wenn ich etwas über sie schreib, hey mein Leben wirkt ja da immer gleich viel glamouröser als in echt. Und recht hat sie:-) Ich wünsch dir alles Leibe, und hab deine Texte schon vermisst, hoffe du schreibst wieder öfter! mm

  2. pony_hütchen on

    Toller beitrag von dir, estrella, und tolle kommentare dazu. ich steh sehr darauf, wenn menschen eben NICHT so tun, als würden sie eh alles meistern. wenn menschen zu sich stehen quasi. und die realitäten in den blogs und auch facebook, ach, die sind doch immer gepimpt, wenn auch oft unbewusst. man zeigt halt nur auschnitte, kann ja nur ausschnitte zeigen, und wie es bei mir ist, ich hab partielle amnesie, das schlimme vergess ich sehr schnell. dann kommen die locker-flockigen bloggies raus und ich denk mir ein paar tage später: “aha. interessant. was BIN ich bloss für eine coole sau.” bin ich manchmal nämlich überhaupt nicht. der tägliche touretteanfall über beschissenes zeitmanagement und überforderung gehört dazu. sonst, aufs herz hören, hm. ich finde den bauch fast noch wichtiger. einfach reinspringen ohne zu überlegen oder groß hineinzuhören. bloss einfach mal starten damit und dann klarkommen mit der situation. ein absolut nicht durchdachtes konzept, ich weiß, aber kopfmenschen wie ich fahren damit fast am besten. weil der kopf eben ausgebremst wird.

    • Erstmal danke für alles Feedback und das tolle Echo. Ich bin überwältigt. Merci!
      Pony_hütchen, ich musste viel nachdenken über das Bauchgefühl. Für mich gibt es da eine Dreiheit Kopf – Herz – Bauch.
      Kopf kennen wir alle, Ziele, Pro- und Contra-Listen, Masterpläne.
      Das Bauchgefühl ist für mich das völlig irrationale: Nein, ich steig nicht in dieses Flugzeug, auch wenn ich das Ticket hab und die Tante in Übersee wartet! Und siehe da, es ist das mit der Schubumkehr. Oder, weniger dramatisch: Heute geh ich mal den anderen Weg nach Hause, einfach so, und dann treff ich den Freund, den ich schon ewig nicht gesehen habe und der erzählt mir dann das und das hat alles verändert.
      Das Herz aber, die Stimme des eigenen Herzens – ich lehn mich jetzt weit raus aber ich bin mir jetzt wieder sicher -, die kennt JEDER MENSCH. Das ist das, was uns ausmacht, was wir sind. Zeigt sich wohl schon recht früh, damit werden wir wohl geboren. So eine Art Mission, können auch mehrere sein. Eine Mission meiner Tochter wäre: Sei jedenfalls vollkommen kompromisslos in allem was du tust und lass dir auf keinen Fall (insbesondere von deiner Mutter) etwas vorzeigen, vorgeben oder beibringen. Eine Mission meines Sohnes wäre: Halte jedenfalls eine Ordnung ein, die du für gerecht und nachvollziehbar hältst, weise laut und deutlich daraufhin, wenn diese Ordnung verletzt wird und setz dich für ihre Wiederherstellung ein. Wie man an diesen Beispielen sieht, kann es auch hart und schwierig sein, diesen Missionen zu folgen, entweder man erschöpft sich, weil sie so verdammt anstrengend sind oder man verleugnet sich und spürt dann, das bin aber doch nicht ganz ich. Eine meiner Missionen ist: Krieg zwei grandiose Kinder, mach dabei ein paar grundlegende Dinge anders als die vor dir und übernimm die Verantwortung dafür. Und jetzt dürfte es wohl Zeit für eine neue sein…

  3. klingelfee on

    “Es ist nur so, dass die Realität meiner Familie und die jener Familien in “Familie rockt!” (ob Blog oder Magazin) sich so sehr unterscheiden.”

    Das glaube ich nicht. Oft ist es nur der Schein und nicht die “Realität”. Oder das was man von sich preis gibt. Paare streiten, Väter sind nur weil sie “da” sind, nicht immer gute Väter und Mütter auch nicht immer verständnisvoll und gut gelaunt.

    Meine Tochter zB lernte ihren Vater im Herbst kennen, mit 14. Ihre Großeltern wollten nie Kontakt. Also war ich 14 Jahre allein mit ihr. Und bin es immer noch, denn nur ein Kontakt bedeutet ja nicht, dass er plötzlich die Verantwortung übernimmt. Die Nachhilfe muss ja dann doch ich zahlen. Und mit ihr lernen.

    Es ist mE der Umgang mit den Gegebenheiten. ZB wurden mir vorige Woche 600 Euro gestohlen – Mist, aber scheiß drauf. Flieg ich halt nicht auf die Bahamas. 🙂 Na gut, werden wir den Möbelkauf noch verschieben.
    Ich habe sehr viel “durchgemacht”, aber keiner würde es vermuten (außer die, die mich kennen), weil ich es selbst auch nicht (immer bzw sehr selten) so empfinde. Aber es ist sehr okay, wenn jemand ein wenig verzweifelt und jammert und auf sich aufmerksam macht.

    Ich sehe halt sehr oft das Positive, das Gute und wenn es mal nicht so gut geht, dann verpflichte ich FreundInnen mich aufzubauen. Und das machen die ganz gern, so hoffe ich doch.
    Der Vorteil am Alleinsein ist die Entscheidungsfreiheit, die leider auch ein Nachteil sein kann. Wie auch immer halbvoll/halbleer. Ich bin lieber voll.
    Und wegen der sozialen Netzwerke …
    ich bin so aufgewachsen und es hat sehr gut funktioniert, aber es war eine ganz “normale” WG, mit Kindern, Verheirateten, AlleinerzieherInnen, Alleinstehenden, Männern, Frauen
    Für mich als Erwachsene wäre das aber nie in Betracht gekommen, hmm.

    Und wegen Job – irgendwas geht immer
    herzlichst klingelfee

  4. *sigh* das ist sehr weise und einfach und wahr. erst aufs herz hören und dann danach leben und DURCHHALTEN. so ähnlich hab ich’s mir eh gedacht. musste es nur nochmal lesen. danke auch. und danke für “kinder können einen an etwas hindern, wenn man sie nicht bündelt”. auch sehr wahr. macht mich viel denken. bis bald.

  5. elsa, the living on

    ich hab da kein selbstmitleid oder jammern bei dir rausgehört. früher habe ich mir gedacht: jeder hat sein packerl zu tragen. jetzt denke ich mir, es gibt definitiv packerl, die sind leicht und hindern einen kaum, und dann gibts welche die sind schwer und machen vieles sehr anstrengend. du schreibst: Es ist nur so, dass die Realität meiner Familie und die jener Familien in “Familie rockt!” (ob Blog oder Magazin) sich so sehr unterscheiden. – ich wär mir da nicht so sicher. was im blog oder print gezeigt wird ist ja nur ein kleiner ausgewählter teil.

  6. ach ich wollte dir auch keine `guten tipps´ geben. ich habe mich halt irgenwie reingefühlt in dich und das verglichen mit meinen harten zeiten. Ohne geld, ohne job, mit kind. Jetzt bin ich auch sehr prekär unterwegs und zittere seit monaten ob alles gut geht. zum glück sieht es bereits viel besser aus, aber das war die längste zeit nicht klar. Im gegenteil.
    Das herz allein kann einen nicht zum glück führen, das glaube ich jedenfalls. für mich war es wichtig aufs herz hören um zu wissen, was ich wirklich wirklich will, und danach mußte ich aber eine entscheidung treffen und sie befolgen auch wenn es manchmal schwer war/ ist. das war für mich auf jeden fall so.
    Ich bin sehr neugierig wie es für dich laufen wird, und was deine lösung sein wird und wohin du gehen wirst. Ich hoffe du schreibst weiter auf deinen blog und wünsche dass sich urviel urbessern wird!

  7. Ihr Lieben, Elsa und Patrice. Danke für euer Feedback! Ich hab ganz innige Gefühle grad für euch. Und doch ist passiert, was ich eigentlich nicht wollte: Ich will nicht jammern und sudern. Ich will nicht, dass sich nur traurig anhört, was ich schreibe. Selbstmitleid bringt ja genau gar nix. Oft probiert.
    Es ist nur so, dass die Realität meiner Familie und die jener Familien in “Familie rockt!” (ob Blog oder Magazin) sich so sehr unterscheiden. Jetzt frag ich mich halt, warum das so ist. Die meisten Gründe werden wohl bei mir liegen, in meiner Geschichte und in meinen Entscheidungen und in meiner Herangehensweise ans Leben. Grad letztere hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert und wohl auch deshalb bin ich jetzt da. Ich möchte Teil dieser Sphäre sein, meine Stimme erheben, von meiner Wirklichkeit erzählen.
    Ich möchte übrigens einem der Kindesväter nicht unrecht tun: Er ist seinem Kind im Herzen zugewandt. Die Probleme haben viel mit räumlicher Entfernung und seiner Geschichte zu tun, however, er liebt seine (Stief-)Kinder, ist aber halt selten da.
    Und, Elsa, das Interview hat mich nicht besonders berührt, die Dame hat für sich ein gutes Tätigkeitsfeld gefunden und sucht halt jetzt Kundschaft. Ich fand nur die Frage interessant, inwieweit eine Herzensangelegenheit überhaupt vom Verstand erfaßt werden kann oder nicht. Oder ob man sich eben einfach nur ein Herz fassen muß 🙂

  8. Ich finde dich vor allem sehr gescheit. Kein Satz, dem ich nicht zustimmen würde. Und ich finde deinen Beitrag sehr traurig, weil jeder Mensch ein Recht auf ein bissi Glück hat, finde ich. Aber das Glück findet man nicht durch den inneren Navi, der einen sanft und intuitiv hinführt. Sowas kann nur jemand sagen, der keine richtigen existenziellen Probleme kennt und nie wirklich kämpfen mußte um ein Ziel zu erreichen. In deiner Situation, geht nur was weiter, wenn Väter und Großeltern zumindest einen Teil beitragen und du dir überlegst was für dich gut ist und nicht nur für die Kinder. Ein bissi Egoistin sein. Kinder können einem ganze Lebensabschnitte lang am Weiterentwickeln hindern, wenn man sie nicht ein wenig “bündelt”. Und ich glaube, sie halten das super aus, wenn es um was geht. Was suchst du für einen Job?

  9. elsa, the living on

    liebe estrella, ich hab nur ein kind, das betreue ich alleine seit, ja eigentlich seit geburt an. ich hab auch in wgs gelebt und hab einen unbezahlten job. ich habe das interview gelesen aber ich finde es sehr abgehoben. dem herzen folge ja. aber das lernt man nicht in einem workshop. ich kenne das gefühl, das man etwas ließt oder hört und sich total berührt fühlt. mich haben die bücher von arno gruen extrem getroffen. aber das sollte bedingungslos sein und nicht an irgendwelche bindungen geknüpft sein. wär cool, wenn du zum nächsten familerockt mingeln am 3. juli im augarten kommst.

  10. suzietruth on

    Estrella, welch schöner Blogname – Erinnert mich an die Estrella Morente, die so voller Inbrunst “VOLVER” hauchte (kleiner Ausflug in mein musikalisches Halbwissen zum Angeben und Einedrahn)). na im Ernst. Ich verstehe dich, mir rollt diese Frage den Ganzen Tag durch den Kopf, da ich mich auch am Markt der ArbeitssucherInnen befinde und demnach jeden zweiten Tag von totalen Frust und Depressionsattacken belästigt werde, was ich jedoch eher auf eine bipolare Disposition in der Familie zurückführe. Das ganze machst du noch im Alleingang, Ich zolle dir meinen tiefsten Respekt. Du scheinst eine echt coole Frau zu sein!

    • Danke, Suzie, für die Blumen, das ist sehr nett. Tatsächlich finde ich euch alle viel cooler und halte mich selbst bestenfalls für eine cool enough mother and woman. Das muss reichen. Ich arbeite auch recht hart dran, meine Depressionstendenzen im Griff zu halten und auch mit bipolarer Disposition in der Familie kenn ich mich bestens aus. Und du hast mich durchschaut: Estrella Morente ist eine Heroine von mir und eine der Inspirationen für diesen Blognamen.

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