Ist ein Ohrenzieher wirklich ok?

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Wolfgang Gerber von der Presse erklärt diese Woche, warum ein “Ohrenzieher” ein propates Erziehungsmittel sein soll.

Hier geht´s zum Artikel: DIE PRESSE

Einerseits finde ich es bewundernswert, dass er sich traut so persönlich zu schreiben – also wirklich! Er stellt sich mit offenen Flanken der Diskussion. Wer macht das schon in Österriech?

Andererseits finde ich die Erklärung man hätte ein “Kristallkind” und mit allem drum herum nicht nur narzisstisch sondern fast traurig.

Denn 1.) jeder sieht im eignenen Kind mehr als alle andere ( ich weiß zb dass meine Kinder richtige A-Kinder sind, die einfach besser sind als alle andere Kinder auf der Welt – aber ich weiß auch, dass die (meisten) anderen Menschen auf der Welt mit dieser Kenntniss nicht gesegnet sind).

2.) liebt man sein Kind wenn es ein “Kristallkind” ist und schon bis 25 zählen kann und “aufgeweckt” ist etc. mehr als wenn es erst bis 23 zählen kann und nicht gewillt ist jeden fremden Menschen anzucharmen?

3.) wie würde das Ideal-Ich von Papa Gerber darauf reagieren ein “normal” nettes Kind zu haben? Mit einer Depression?

Natürlich würde Papa Gerber auf diese drei Punkte rethorisch einwandfreie Antworten finden. Aber diese Einleitung zeigt einerseits, dass er nicht sehr geübt darin ist Papatexte zu verfassen, weil er die Fallgruben nicht kennt, die sich auftun können und andererseits auch das Dilemma, in das wir uns bringen, wenn wir nicht nur von den liebenswerten Seiten unserer Kinder erzählen.

Jedenfalls kann ich ihm versichern, dass ich ihm glaube, dass er seinen Sohn aufrichtig liebt. Er braucht uns nicht zu versichern, mit welchen tollen Eigenschaften sich sein Sohn das Recht auf Liebe verdient hat. Und wir glauben ihm auch, dass er ihn liebt, obwohl er ihn bisweilen am Ohr gezogen hat.

Schieflage

Das Problem am Ganzen: Kinder sind schwächer als wir – in jeder Hinsicht. Daher müssen wir nicht körperlich werden. Weil das ist einfach ungerecht und vermittelt dem Kind in unangenehmer Weise, dass diese körperliche Schwäche von den Eltern bis ins Letzte missbraucht werden könnte und sie das Grundprinzip dessen nicht verurteilen. Genauso wie jedes junges Mädchen sich irgendwann bewußt wird, dass fast jeder Mann auf dieser Welt in der Lage wäre seine körperliche Übermacht über sie auszulassen. Und ich versichere allen Männern: Dieser Moment der Einsicht, ist für kein Mädchen lustig, sondern sie wird sie mehr oder weniger desperat zur Kenntniss nehmen.

Wozu Gewalt?

Wir Eltern haben so viele andere Mittel uns gegenüber unseren Kindern durchzusetzen. Wir brauchen körperliche Gewalt nicht. Und außerdem: Wo ziehen wir die Grenze? Die einen finden den Ohrenzieher ok und die andere die Watschen ins Gesicht, die anderen einen kleinen Tritt. Ich meine nicht, dass wir in keiner Weise pysisch werden sollen. Manchmal greift man dem Kind am Arm, während man ihm etwas eindringlich erklärt, weil die insgesamte Aufmerksamkeit steigt, wenn es auf mehreren Ebenen in Kontakt mit einem tritt. Manchmal hältst du das Kind fest, wenn es weglaufen will. Manchmal hebst du es gegen dessen Willen auf etc. Aber nicht im Willen ihm physisch Schmerzen zuzubereiten.

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Was kann man statt dessen tun?

Viel. Das meiste hat mit Moral und Einsicht zu tun. Zum Beispiel kann man einem Kind einen Moment des schlechten Gewissens bescherren, dass durch das Entschuldigungsagen des Kindes wieder aufgehoben wird. Bis das Entschuldignung kommt, bleibt der Tagesablauf stehen. Dem Kind muss zuvor natürlich verständlich erklärt werden, warum es sich entschuldigen soll (Dazu sind viele Eltern leider nicht in der Lage!). Oder man gibt ihm zu verstehen, dass man es zwar grundsätzlich immer liebt aber trotzdem in manchen Momenten das Beisammensein NICHT als Vergnügen sieht, wenn es sich nicht nett benimmt. Und man kann einem Kind auch die Einsicht  zumuten, dass es einem richtig wütend machen kann wenn es sich blöd aufführt. Das ist auch ein Zeichen des Respekts: “Ich habe richtig ernste Gefühle dir gegenüber. Du schaffst es diese in mir auszulösen! Und zwar weil du mir nicht wurscht bist.” Es ist auch ein Zeichen des Respekts, dass man dem Gegenüber zutraut die Gefühle auszuhalten, die es selber herausgefordert hat. Und danach muss immer ein konstruktives Element kommen Wie zum Beispiel: “Aber überleg‘ einmal ob das eine gute Alternative zu unserem sonst netten Umgang sein soll? Willst du nicht lieber eine gute Zeit mit mir haben? Dann musst du dich auch so benehmen, dass das möglich ist. Ich schmeiss‘ ja auch nicht dein Spielzeug durchs Zimmer und schrei‘ dazwischen, wenn du mit deinen Freunden reden willst!”).

Um genau solche selbstreflektiven Prozesse geht es bei der Erziehung und die müssen auch bei jeder Strafe teilhaftig sein. ZB: “Wenn du die anderen Kinder dauernd mit der Schaufel schlägst, bleiben wir nicht am Spielplatz. Weil ich finde es nicht ok wenn andere Kinder geschlagen werden, genauso wie ich es nicht ok fände, wenn du geschlagen wirst.” Und dann geht man eben. Oder:” Wenn du mich trittst oder dauernd absichtlich schreist wenn ich rede, dann habe ich keine gute Laune und habe daher sicherlich keine Lust dir ein Eis zu kaufen und dich dafür zu belohnen, dass du nicht nett bist.” Und dann gibt es kein Eis. Hingegen muss man sich umgekehrt überlegen, ob man dem Kind auch regelmässig ein Stückchen Qualitätszeit schenkt (dabei muss es sich NICHT um täglich mehrere Stunden handeln!), so dass man sich im Gegenzug auch herausnehmen darf, einmal halbwegs ungestört mit Freunden ein Gespräch zu führen. Oder: “Wenn du jetzt ununterbrochen schreist und uns alle störst, weil du nicht tun willst, was deine Aufgabe ist (Pyjama anziehen, Spielzeug wegräumen etc.), so wie es unsere Aufgabe ist den Geschirrspühler einzuräumen, oder staubzusaugen etc. dann gehst du in dein Zimmer, denn wir wollen uns von dir nicht stören lassen. Jeder hat seine Aufgaben und jeder muss die erledigen und danach können wir gemeinsam eine schöne Zeit miteinander haben. Wenn du nur schlechte Laune machst dann hab die schlechte Laune mit dir selber in deinem Zimmer.”

Aber wie erklärt man den Ohrenzieher? So vielleicht:”Wenn du bei 3 nicht machst was ich sage, dann muss ich dir körperlich weh tun, denn wenn du Angst vor dem Schmerz hast, dann tust du nächstes Mal vielleicht was ich sage!” Aber reicht es nicht zu sagen: “Jetzt reicht´s mir aber! Glaubst du ich lass mich stundenlang von dir tritzen?” Ich glaube, das reicht vollkommen. Kinder wollen geliebt werden und finden es nicht angenehm, wenn ihre Eltern richtig angefeult von ihnen sind.

Wir kennen das doch auch? Manchmal machen wir uns über Freunde lustig oder strapazieren die Nerven unserer PartnerInnen – so lange bis wir zu weit gehen. Wir sehen an den Augen des Gegenübers, dass wir nicht mehr lustig sind und dass sie bereit sind sich ernsthaft abzuwenden. Sie machen nicht mehr mit. Das ist der Moment, in dem wir uns zurücknehmen müssen und ein ernst gemeintes “Ich bin wohl zu weit gegangen…” von unseren Lippen kommt. Und diesen Moment verstehen Kinder auch. Bzw. nur wenn wir als Kind solche Momente erlebt haben, werden wir sie auch als Erwachsene erkennen und verstehen, dass unsere Selbstkritik gefragt ist. Nur über konstruktive Selbstkritik funtkioniert Erziehung.

Und daher denke ich, dass die Sinnhaftigkeit eines Ohrenzieher vollkommen obsolet ist. Ich glaube, da hat sich einfach eine Erziehungspraxis in die nächste Generation geschummelt und wird von Papa Gerber verteidigt, weil  er es selber nicht anders erlebt hat. So wie die meisten Menschen seines Alters.

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3 Kommentare

  1. Martin Leitner on

    “Jedenfalls kann ich ihm versichern, dass ich ihm glaube, dass er seinen Sohn aufrichtig liebt.”

    Nein, ich vermute genau das tut (kann) er traurigerweise nicht! Wenn jemand sein Kind wirklich aufrichtig lieben kann, kann er es unmöglich derartig demütigen. Alle Eltern lieben ihre Kinder, nur sind leider viele nicht in der Lage diese Liebe auch fließen zu lassen, dies trifft auf Hr. Greber mit großer Wahrscheinlichkeit zu.

    Es reicht nicht sein Kind zu lieben, Kinder müssen die Liebe auch spüren können.
    – Jesper Juul

  2. Vielen Dank für den Artikel – ich habe gestern Abend auch noch einen offenen Brief an Herrn Greber verfassen müssen, weil ich den Artikel so abgrundtief schrecklich finde… wie kann ein Redakteur das nur schreiben in der vollen Überzeugung, alles richtig zu machen und anderen als leuchtendes Beispiel zu dienen… Hilfe!! Aufklärung ist so wichtig ich bin gespannt auf das Statement von der Presse, das sie ja angekündigt haben!

    Beste Grüße, Janina

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