Florence Burnier: Otto Mühls Erbe

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Florence Burnier lebte zehn Jahre lang in der Kommune von Otto Mühl.

otto mühl

Zwei mal vier Stunden Interview. Die ehemalige Kommunardin Florence Burnier trinkt beide Male nur Wasser und fühlt sich nach dem ersten Interview ganz leer und einsam. Das schreibt sie uns in einem Mail. Ich schicke ihr die erste Version meines Textes über ihre Zeit in der Otto Mühl Kommune. Sie antwortet, dass wir ihn gemeinsam durchgehen müssen. Einige Passagen müssen raus, weil sie ihre Kinder nicht kränken will, andere müssen konkretisiert werden. Manches habe ich nicht richtig verstanden und anderes versteht sie nicht. Zwanzig Jahre hat sie an sich gearbeitet, um ihre Vergangenheit zu verstehen. Zwanzig Jahre hat sie gebraucht, um ein Interview wie dieses zu geben. Vieles was sie uns erzählt, hat vor ihr noch nie wer zu sagen gewagt.

Friedrichshof heute

Ich freue mich schon auf das zweite Treffen. Florence strahlt eine Unbestechlichkeit aus und ihr frankofoniertes Deutsch ist voller kleiner Highlights. Beispielsweise nennt sie sich selber eine Stinkewanze und meint damit ihr bockiges Naturell. Genau diese trotzige Art hat sie wahrscheinlich davor bewahrt, in der Kommune eine besonders eifrige Mitläuferin zu werden. Sie hat einen ungnädigen Blick. Auch auf sich selber. Und nach acht Stunden ungeschönter Erzählung haben sich unsere Fragen, wie das Leben in der Kommune möglich war, fast noch vermehrt. Wenn man sich durch die aktuelle Friedrichshofer Internetpräsenz klickt, wird einem ganz komisch. Vor allem, wenn man davor Florence durch die Schluchten ihrer Erinnerungen gefolgt ist. Der Friedrichshof scheint heute ein malerisches, feingeputztes Genossenschaftsprojekt zu sein. Kleine urbane Wohneinheiten, ein Badeteich, ein Therapiezentrum für psychisch kranke junge Menschen, ein modernes Museum mit Schwerpunkt Aktionismus und ein Pferdegehege. Es wohnen ca. 200 Personen am Friedrichshof. Ungefähr 50 davon sind ExkommunardInnen. Auf der Homepage wird nur oberflächlich auf die Geschichte der Genossenschaft eingegangen. Ca. 280 Menschen wohnten in den 80 er Jahren hier als Florence dazustieß. Davon waren 30 Kinder. Florence hatte sich in Frankreich zehn Jahre lang als Obdachlose mit ihren drei Kindern durchgeschlagen, als sie auf eine Gruppe KommunardInnen stieß. Nachdem die Behörden drohten ihr die Kinder wegzunehmen, hatte sie nichts dagegen, dass man ihre Kinder am Friedrichshof oder in anderen Kommunengruppen unterbrachte. Bald verstand sie, dass sie auch nach Friedrichshof musste, wenn sie ihre Kinder wiedersehen wollte. Die KommunardInnen waren nicht begeistert von der Idee, aber Florence ließ nicht locker. Nachdem man ihr die Kinder nicht zurückgeben wollte, ließ man sie schließlich nachkommen.

Otto Mühl war ihr suspekt

Von Anfang an fühlte sie sich nicht wohl. Sie empfand keinen Respekt vor Otto Mühl und das ganze Kommunenwesen war ihr suspekt. Gleichzeitig erschien ihr die Umgebung vielleicht ein wenig vertraut. Seit ihrer Geburt war sie von ihrem Großvater und auch von ihrem Vater missbraucht worden. In ihrem damaligen Weltbild waren Männer „nur zum Erschießen“ gut.

In Friedrichshof wurden ihr gleich die Papiere abgenommen. Aber nicht nur die Papiere. Auch die Kinder kamen nicht zu ihr zurück. Sie wohnten in einem eigenen Internat. Mütter und Väter waren in der Kommune nicht erwünscht. Auch Kleinfamilien und Zweierbeziehungen waren grundsätzlich verboten. Man wollte alle bürgerlichen und kapitalistischen Zwänge ablegen. Eifersucht und Besitzdenken mussten abgeschafft werden. Jeder sollte seinen Egoismus ablegen und seine Seele weiterentwickeln. Neurosen bearbeiten. Ein besserer, kreativer Mensch werden. Das soziale Spiel sah es vor, dass man nur mit wechselnden PartnerInnen Sex hatte. Und zwar drei Mal am Tag. Am Vormittag, am Nachmittag und am Abend. Wer nicht drei Mal am Tag Sex hatte, machte sich verdächtig. Wer mehrmals demselben potentiellen Sexpartner den Sex verweigerte, machte sich unpopulär.

Florence: Ich habe gleich gewusst, die freie Sexualität wird für mich eine Qual. Denn freie Sexualität hat nicht geheißen, dass man frei wählen kann, mit wem man Sex hatte. Freie Sexualität hat geheißen, du darfst niemals mit dem gleichen Partner zweimal hintereinander Sex haben. Mit der Zeit versteht man, dass man in einem Bordell ist, in dem man nicht bezahlt wird.

Familie Rockt: Betraf das vor allem die Frauen?
Florence: Auch die Männer. Sie haben unter dem Stress gelitten, immer einen Steifen haben zu müssen. Das ist ja nicht möglich.

Sex und Hierachie

Es durfte nicht jede mit jedem Sex haben. Die KommunardInnen wurden in hierarchisch geordnete Gruppen eingeteilt. Wer in der untersten, der sechsten Gruppe war, konnte nur mit anderen aus der sechsten Gruppe Sex haben, außer er oder sie hatte sich im Rang verbessert und wurde so für Höhergereihte sexuell interessant.

Nur die Frauen hatten Zimmer und Matratzen. Die Männer mussten bei ihnen um einen Platz auf der Matratze bitten. Jede Nacht schliefen sie bei einer anderen Frau. Zwanghafte Verabredungen. Keine befreiten Orgien.

Florence: Also für mich war es sicher kein Spaß. Ich war in dieser Beziehung durch meine Kindheit sowieso gestört. Ich habe verweigert so viel ich konnte. Ich war so bösartig, dass sich kaum einer getraut hat, an meine Tür zu klopfen.

Otto Mühl war der geilste Mann

Mit Otto Mühl Sex zu haben, war die höchste Ehrung. Er galt als der geilste Mann. Florence wurde diese Ehre auch zuteil. Der Sex mit ihm war aber nicht besonders. Ihr fiel auf, dass er Erektionsprobleme hatte. Florence dachte erst, es läge an ihr, aber als sie sich mit anderen Frauen austauschte verstand sie, dass es an ihm lag. Sex war für ihn ein zwanghaftes unemotionales Ritual. Wann immer es Otto Mühl gefiel, berief er Treffen ein, in denen die Struktur neu festgelegt werden sollte. Wer durfte aus der sechsten in die fünfte Gruppe aufsteigen? Wer wurde zur neuen oberen Frau gewählt? Verfehlungen oder besondere Leistungen einzelner KommunardInnen wurden palavert, und dann schlug Otto Mühl eine neue Rangordnung vor und ließ darüber abstimmen. Die KommunardInnen hatten bei der Abstimmung Otto Mühls Oberarm genau im Visier, und wenn er ansetzte, den Arm zu heben, taten sie es ihm nach. Was als Verfehlung oder besondere Leistung galt, wusste niemand so genau. Auch die Kinder hatten ihren Rang in der Struktur. Fiel einem Kind der Bleistift aus der Hand, konnte es runtergereiht werden. Die Struktur hatte sich Claudia Steiger ausgedacht, die spätere Frau von Otto Mühl. Heute würde man so ein System wahrscheinlich als institutionalisiertes Mobbing bezeichnen. Zum therapeutischen Programm gehörte auch die symbolische Tötung der Eltern. Otto Mühl und viele KommunardInnen hegten gewaltige Aggressionen gegenüber ihren Eltern. Untermauert wurden solche Prozesse durch pseudopsychoanalytische Theorien. Auch Florence´ Verhältnis zu den Eltern war schwer belastet und sie genoss daher solche Rituale. Doch nicht nur sie sollte symbolisch ihre Eltern töten…

Florence (lachend): Ich habe manchmal heimlich meinen Sohn getroffen und der hat mir dann gesagt: „Sie wollen immer, dass ich dich umbringe, aber ich habe keinen Bock!“ Da war ich aber sehr glücklich darüber, dass er keinen Bock darauf hat mich zu töten.

Ansonsten hatte sie keinen Umgang mit ihren Kindern. Niemals traf sie alle drei auf einmal. Daher konnte sie die Kommune auch nicht verlassen. Sie kam nicht an ihre Kinder ran und wenn, dann würden sie auch nicht mit ihr gehen. Man hatte ihnen eingeredet, dass ihre Mutter geisteskrank und schlecht sei. Auch wenn die Kinder nicht 100 % daran glaubten – mit ihr abhauen wollten sie auch nicht. Und wo hätten sie auch hin sollen? Ohne Papiere. Ohne Geld. Ohne Unterkunft. Ohne Freunde.

Otto Mühl und der Übermensch

Otto Mühl fantasierte vom Übermenschen und verlangte von seinen Untergebenen absoluten Gehorsam. Ähnlich wie die RAF bestand die Kommune aus Menschen, die sich von ihren Nazi-Eltern und deren Werten befreien wollten, aber selber menschenfeindliche destruktive Strukturen entwickelten oder akzeptierten. Der ORF-Reporter Walter Pissecker drehte Ende der 70 er Jahre eine Reportage am Friedrichshof. Ein interessantes Zeitdokument. Der Journalist wirkt im Vergleich mit den KommunardInnen steif und verklemmt. Die FriedrichshoferInnen sind viel lockerer und reden offen über ihre Gefühle. Sie benehmen sich unkonventionell, singen frei improvisierten Blues und tanzen wild. Gleichzeitig können sie nicht widerlegen, dass Otto Mühl sowas wie ein Anführer ist, dessen Wort und Urteil mehr zählt als das der anderen. Am Ende stellt der Reporter fest: Die KommunardInnen hätten mehr Freiheiten als normale Leute, aber sie lachen kaum. Und das bleibt hängen. Die Stimmung ist zwar ausgelassen aber nicht glücklich und locker. Otto Mühl war ein Spezialist, wenn es um Spektakel und Radau ging. Er war nicht liebevoll und mitfühlend.

Florence war in seinen Augen weit entfernt vom Übermenschen. Die meiste Zeit diente sie in der untersten Gruppe. Der Putzkolonne. Wer in der untersten Gruppe diente, durfte beim Essen nicht sitzen. Denn zufällig waren nie genug Sessel da. Und weil sie nicht sitzen konnten, bekamen sie auch nie Fleisch serviert, denn wie sollten sie dieses im Stehen auch schneiden?

Florence: Ich war alles, was man nicht sein soll. Er hat mich einmal komplett niedergeschlagen. Es fing mit Schlägen ins Gesicht an. Mein Ohr hat geblutet, dann hat er mich auf den Boden gehauen, sich auf mich draufgesetzt und mit den Fäusten auf meine Wirbelsäule eingeschlagen, bis seine Helfer ihn von mir runtergezerrt haben. Wahrscheinlich hatte er wieder zu viel Koks aus seiner Schreibtischlade genommen.

Florence wird tabubelegt

1987 wurde Florence für ein halbes Jahr in Quarantäne gesteckt. Niemand durfte in Hörweite von ihr sprechen. Und schon gar nicht mit ihr. Sowohl Otto Mühl als auch Claudia Mühl behandelten Florence manchmal sehr nett und verständnisvoll. Florence fühlte sich dann kurz mit ihnen verbunden und freute sich. Im nächsten Moment ging Claudia mit ein paar anderen KommunardInnen an ihr vorbei und sagte Sachen wie: „Schaut euch die an. Die ist zu nichts gut als Kinder auf die Welt zu scheißen.“ Kaltwarm. Bevor Florence in die Kommune kam, wohnten die Babys noch nicht von den Eltern getrennt. Alle schliefen gemeinsam in riesigen Schlafsälen. Babys und Erwachsene. Man hatte in unterschiedlichsten Konstellationen offen Sex und ließ die Kinder zusehen bzw. animierte sie teilzuhaben. In Afrika, hatte man gehört, wurden Babys wegen des Wassermangels manchmal nicht am Geschlecht gewaschen sondern, abgeschleckt. Einige KommunardInnen dürften sich daran ein Vorbild genommen haben. Florence Mann, Otmar Bauer, erzählte ihr, dass er Dinge gesehen hatte, die er damals kaum verkraftet und auch gleich verdrängt habe. Er traute sich nicht, dagegen zu opponieren. Florence ist es wichtig festzuhalten, dass die Übergriffe nicht erst mit den Jahren anfingen. Die sexuellen Schranken zwischen Kindern und Erwachsenen waren von Anfang an nicht existent.

Mit der Trennung der Kinder von den Eltern sollte sich diese Situation nicht verbessern. Otto Mühl beschloss, dass die fünf Kinder, die am höchsten in der Struktur standen, am Wochenende bei ihm und seinen Elitefrauen schlafen sollten. Die fünf oberen Kinder in der Struktur waren damals nur Mädchen zwischen ca. acht und zwölf Jahren.

Florence: Eines Tages habe ich von meiner Tochter eine Botschaft bekommen, die ich nicht verstanden habe und die mich die nächsten sieben Jahre beschäftigen sollte. Sie kam in einen Raum, weil sie wusste, dass ich dort war. Wir durften uns ja eigentlich nicht treffen, aber sie wollte mit mir sprechen. Ich habe sie gefragt: „Es ist bald dein zwölfter Geburtstag. Freust du dich?“ Und sie sagte darauf: „Nein. Denn mit dreizehn wird es ernst.“ „Was meinst du mit ernst?“ fragte ich. „Es wird ernst mit dem Flirten,“ antwortete sie. Ich verstand damals nicht, was sie meinte.

Mit Flirten war mehr gemeint….

Heute weiß sie was sie mit flirten meinte und versteht nicht, warum ihr das nicht gleich klar war: Otto Mühl hatte das Recht auf den ersten Geschlechtsverkehr mit den Mädchen.

Eines dieser Mädchen, Anna Weiland, weigerte sich und wurde daraufhin so lange unter Druck gesetzt, bis sie sich zwei Tage nach ihrem 14. Geburtstag entjungfern ließ. Ein Jahr später wurde sie schwanger. Sie wollte von Otto Mühl kein Kind und schwamm so lange im Eiswasser und schlug sich selber in den Magen, bis das Kind abging. Sie sagte später gegen Otto Mühl aus.

Die meisten Kinder in der Kommune konnten diesen Schritt nicht gehen. Auch Florence’ Kinder waren nicht in der Lage, der Polizei die ganze Wahrheit zu sagen. Sie fühlten sich schuldig und schämten sich. Florence ging daraufhin selbst zur Polizei und zeigte ihre Tochter wegen Falschaussage an. Sie wollte unbedingt, dass sie die Wahrheit sagten, weil sie fürchtete, dass das Geschehene sonst einen starken unbewussten Einfluss auf ihr weiteres Leben hätte. Am Ende gab ihre Tochter zumindest der Presse ein Interview.

Florence: Seit damals gibt es ein nonverbales Sprechverbot. Fast niemand traut sich wirklich die Wahrheit zu sagen. Niemand will so ein dreckiges Kind sein, mit dem man solche Sachen gemacht hat.

Einer der Punkte, die laut Florence auf den Tisch kommen müssten, ist der sexuelle Missbrauch der Frauen an den Buben in der Kommune.

Auch die Buben wurden missbraucht

Auch die 13 jährigen Buben mussten bald bei Otto Mühl und seinen oberen Frauen übernachten. Sie hatten sich darüber beschwert, dass Otto mit den jungen Mädchen so viel Zeit verbrachte. Daher räumte er den oberen Frauen dasselbe Recht ein. Florence meint, dass es nicht als Vergewaltigung angesehen wird, wenn kleine Buben von erwachsenen Frauen zum Sex gezwungen werden. Das will sie nicht akzeptieren.

Florence: Nur weil ein kleiner Bub einen Steifen bekommt, wenn man daran herumfummelt, heißt das nicht, dass er Sex haben will. Und wenn einem Kind die Sexualität weggenommen wird, weil es ohne ihr Einverständnis sexualisiert wurde, dann wird ihnen ihre Entscheidungsfähigkeit genommen. Sie wissen später oft nicht, was sie mögen und was nicht. Das beschränkt sich dann nicht mehr auf ihre Sexualität, sondern weitet sich auf das ganze Leben aus.

Im Alter von 13 Jahren wurden die Kinder in die Sexualität eingeführt. Mit 15 Jahren mussten sie sich in die alltägliche sexuelle Praxis einfügen. Drei Mal am Tag Sex. Zur Auswahl standen 200 Erwachsene, die alle ihre Eltern sein konnten, mit denen sie aufgewachsen sind. Florence Tochter wurde mit 15 Jahren als Gruppenleiterin in eine Großstadt geschickt. Die Kinder vom Friedrichshof hatten ein schweres Schicksal und die erwachsenen KommunardInnen haben nichts dagegen getan.

Otto Mühl fängt neu an

1991 wurde Otto Mühl verurteilt und musste 7 Jahre ins Gefängnis. Man könnte meinen, die Geschichte höre hier auf. Aber noch lange nicht. Nach seiner Entlassung bekam er eine Einzelausstellung im MAK und auch im Leopold Museum. Franz Vranitzky ehrte ihn und offensichtlich verkauft er sich noch heute gut. Ein Otto Mühl-Bild kann zwischen 60.000 und 100.000 € einbringen. Wie konnte das passieren?

Gleichzeitig mit den polizeilichen Ermittlungen stieg auch das Käuferinteresse an seinen Bildern. Man kann sich also fragen: Ist Mühl ein schlechter Mensch aber ein guter Künstler? Wer ist objektiv gesehen ein guter Künstler? Jede Generation sucht sich selbst die Künstler aus, die sie zu Genies erklärt. Dabei spielt sowohl ihr Werk als auch ihr Charisma eine große Rolle. Hätte sich in den 90 er Jahren überhaupt noch wer an Otto Mühl erinnert, wenn er die Kommune nicht gegründet und wegen Vergewaltigung und Kindesmissbrauch angezeigt worden wäre? Und daher ist die Frage interessant, wer heute eigentlich seine Bilder kauft? Steigert das Wissen über seine sexuellen Vergehen den Wert seiner Bilder? Gibt es vielleicht einen eigenen pädosexuellen Käuferkreis?

Der gesellschaftliche und mediale Umgang mit der Otto MühlKommune ist bis heute widersprüchlich und unkonkret. Man kritisiert ihn zwar, aber nicht allzu streng. Man hört die Opfer an, aber entschädigt sie nicht umfassend. Gerade in den 90 er Jahren war das Thema sexueller Missbrauch sehr präsent. PsychotherapeutInnen, KünstlerInnen und die Medien befassten sich plötzlich mit der Problematik. Erschreckende Dunkelziffern wurden publiziert und viele Betroffene erzählten erstmals öffentlich von ihrer Leidensgeschichte. Man begann innerfamiliär und auch in den Schulen und Spitälern achtsamer zu werden. Was in der Otto Mühl-Kommune relativ ungehindert vonstatten gehen konnte, fand in bürgerlichen Familien, versteckt, auch viel zu oft statt. Missbrauchende Väter und Mütter, passiv agierende Mütter, missbrauchte Kinder konnte man in allen Positionen und Schichten finden.

Die Gesellschaft hatte noch keine Praxis in der Verurteilung von sexuellem Missbrauch. Wer selber beim Missbrauch der eigenen Kinder zugesehen hatte, erwartete sich insgeheim, dass sich die Empörung über die Kommune bald legen würde. Wer selber Kinder missbraucht hatte, hielt sich im Urteil zurück. Erst in den Jahren danach entwickelte man einen strengeren Blick auf sexuellen Missbrauch. Die Kinder aus der Kommune mussten noch persönlich im Gerichtssaal aussagen. Erst danach führte man die Praxis der Videoaussage ein.

Die Kommune wird aufgelöst

Als die Kommune 1989 aufgelöst wurde, zogen viele weg. Die Kinder mussten sich erst an die Welt dort draußen gewöhnen. Viele konnten weder schreiben noch lesen und hatten noch nie in ihrem Leben eine Ampel gesehen. Otto Mühl wurde demokratisch abgewählt und der Friedrichshof in eine Genossenschaft eingebracht. Die scheidenden Mitglieder bekamen eine Abfindung von 30.000 Schilling. Wie die finanziellen Angelegenheiten im Detail geklärt wurden, ist nicht bekannt. In Portugal wurde eine Miniausgabe der Kommune gegründet, in die Otto Mühl nach seiner Gefängnisstrafe zurückkehrte. Dort gibt es angeblich bis heute dieselbe Struktur. Otto Mühl ernannte seinen Sohn Attila zum Nachfolger und er ist es bis heute geblieben. Inwieweit diese Kommune finanziell mit dem heutigen Friedrichshof zusammen hängt, weiß man nicht. Der Friedrichshof wurde 1989 von den verbleibenden KommunardInnen nicht aufgegeben. Warum, könnte man sich fragen? Man hätte genausogut verkaufen und woanders einen Neuanfang wagen können. Vielleicht wollte man beweisen, dass der Grundgedanke der Kommune noch zu retten, und dass nicht alles schlecht gewesen war. Vielleicht war man nach 20 Jahren am Friedrichshof auch nicht flexibel genug um sein Leben zu ändern. Vielleicht hielt die restlichen KommunardInnen aber auch die Idee zusammen, ein profitables Konzept weiterzuführen.

Familie Rockt: Was hält die Leute zusammen?
Florence: Das Geld und die Ehre. Die Kommune war sehr reich.
Sie konnten Geld machen. Und ich glaube, das tun sie noch immer. In Portugal wurde eine Stiftung errichtet. Nur wer sich strikt an die Manifeste von Otto Mühl hält, bekommt etwas davon.

Wie äußert sich das heutige Friedrichshof dazu?

In einem Statement auf der aktuellen Friedrichshof-Homepage wird die Geschichte der Kommune skizziert. Man bekommt den Eindruck, dass erst die letzten vier Jahre eine autoritäre Stimmung in der Kommune eingekehrt wäre und dass Otto Mühl erst mit der Zeit unter Realitätsverlust zu leiden begann. Das deckt sich nicht mit Florence’ Wahrnehmung.

Gleichzeitig erweckt die Darstellung aus dem Jahr 2011 den Eindruck, dass man sich mit der Person Otto Mühl ausgesöhnt habe. Er wäre mittlerweile ein international anerkannter Künstler und habe sich öffentlich entschuldigt. Außerdem leide er an Parkinson – nur nicht zu streng sein, könnte man hinzufügen. Über ein Treffen der ehemaligen KommunardInnen steht auf der Homepage zu lesen: Über zweihundert ehemalige Kommunarden haben sich zu Pfingsten 2010 am Friedrichshof getroffen und dabei festgestellt, dass noch immer ein starkes Gefühl der Verbundenheit unter ihnen herrscht und ein großes gegenseitiges Interesse am jeweiligen Lebensweg der letzten 20 Jahre besteht.

Also war doch nicht alles so schlecht? Hat die Geschichte damit ein Happy-End gefunden? Auch Florence freute sich alle wiederzusehen. Man kannte sich in- und auswendig. In der Kommune konnte man kaum etwas vor den anderen verbergen. Aber das Treffen hatte einen Schönheitsfehler.

Florence: Wo sind die missbrauchten Kinder gewesen? Warum wurden die Kinder nicht eingeladen? 200 Leute und kein einziges der damaligen Kinder war anwesend.



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Die Kommunarden, wie sie heute leben

Mit Kindern wäre das Treffen wohl nicht so harmonisch verlaufen. Es ist nicht so leicht, einerseits die eigene Geschichte aufarbeiten zu wollen und andererseits den eigenen Ruf und den eines Wirtschaftsbetriebes aufrecht zu erhalten. Wenn die Genossenschaft wirklich an einer Aufarbeitung der Geschichte interessiert wäre, müsste sie das Archiv einer unabhängigen Kommission übergeben.

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Florence bei einer ihrer Ausstellungen

Eine sehr persönliche Aufarbeitung stellt der Film Meine keine Familie von Paul-Julien Robert dar. Er skizziert mit Hilfe von Archivmaterial seine Kindheit in der Kommune dar und führt dabei viele Gespräche mit seiner Mutter.

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Ihre Kunstwerke sind alles andere als bekömmlich

Florence: Die Leute sind schockiert von diesem Film. Sogar die Elite der Kommune erlaubt sich schockiert zu sein. Dabei ist es ein sehr diplomatischer Film. Man merkt halt, dass die Mühl-Kommune kein Club Méditerranée ist. Aber es ist klar, wer Material aus dem Archiv verwenden will, muss die Zustimmung der Leute bekommen. Das ganz arge Material bekommt man nicht.

Das Verhältnis zu ihren Kindern ist schwierig. Florence hilft ihnen so gut sie kann. Aber die Scham macht sie nervös, wenn sie in Gegenwart ihrer Kinder ist.

Familie Rockt: Hast du dich jemals bei ihnen entschuldigt?
Florence: Man kann sich für so was nicht entschuldigen. Du entschuldigst dich in der U-Bahn, wenn du jemanden anrempelst. Aber so was kann man nicht entschuldigen: Es ist! Ich habe meine Geschichte wiederholt. Leute sagen zu mir: Du hast deine Kinder verkauft für deine Gemütlichkeit.

Wie sieht es mit Florence Aufarbeitung aus? Sie bearbeitet ihre Kindheit vor allem künstlerisch. Ihre Objekte sind intensiv, schön und furchtbar. Und um einiges billiger als Otto Mühls Werke. Florence ist Künstlerin. Sie macht gewaltige, gewaltsame Skulpturen, erzählt unvorstellbar fürchterliche Geschichten. Aber sie macht auch ganz zarte feine Dinge… In einer kleinen Galerie im ersten Bezirk lud sie zu einer Vernissage mit dem Titel: Geschichte einer Schändung/Retrospektive.

Interview: Patrice Fuchs

Fotos: Elsa Mährenbach

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