Problemgeburt im SMZ Ost

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Problemgeburten sind der Schrecken jeder Schwangeren. Viele werdende Mütter haben hohe Erwartungen an die Geburt. Sie soll das perfekte Happening werden. Manche Geburten verlaufen aber weniger erfreulich. Und dann wird Heidrun Flores-Genger gerufen.

Heidrun Flores-Genger, Oberärztin der Gynäkologischen und Geburtshilflichen Abteilung im Sozialmedizinischen Zentrum Ost – Donauspital

Das SMZ-Ost ist neben dem AKH das größte Wiener Krankenhaus auf dessen Geburtenstation jedes Jahr rund 2000 Kinder zur Welt kommen. Man  hat sich hauptsächlich auf die Erkennung und Behandlung von Frühgeburten spezialisiert. Seit 2010 werden hier vor allem Problemgeburten übernommen.

Um 11 Uhr bin ich mit der Oberärztin der Geburtenstation, Heidrun Flores-Genger, verabredet. Ich bin etwas überpünktlich und setze mich für einige Minuten in den öffentlichen Bereich vor den Kreißsaal.Eine Schwangere, bekleidet mit einem Spitals-Hemd, ist gerade mit ihrem Mann in den Kreißsaal gegangen. Wenn alles gut geht, werden sie in einigen Stunden zu dritt wieder heraus kommen.

Möglich, dass durch diese oder eine andere Geburt mein Interview mit Frau Flores-Genger noch auf später verschoben wird. Sie sollte zumindest wissen, dass ich da bin. Ich gehe also zur Einlassglocke, die vor der Tür zum Kreißsaal angebracht ist und gerade als ich den Knopf drücken will, begegne ich einer großen, schlanken Frau mit beigefarbenen Crocs und Ärztekittel die mich freundlich anlächelt. Ich frage sie, wo ich meine Interviewpartnerin finden kann und da reicht sie mir schon ihre Hand zu Gruß.

Guten Morgen Frau Dr. Flores-Genger! Ist viel los heute?

Nein, es geht schon. Es ist immer wie ein Damoklesschwert das über mir schwebt, aber es kann auch noch bis am Nachmittag schweben.

Die Station wirkt heute sehr ruhig auf mich. Täuscht das oder ist es nicht  besonders geburtenreich in letzter Zeit?

Doch ja, es ist einiges los im Kreißsaal und wir haben momentan auch wieder mehr Komplikationen mit Frühgeburten.

Weil Sie gerade von Problemgeburten und Frühgeburten sprechen – hat sich in der Behandlung von Frühchen in den letzten Jahrzehnten etwas geändert?

Heute ist es so, dass man ab der Schwangerschaftswoche 24+0 (Anm. 24. Schwangerschaftswoche + 0 Tage) was für die Kinder macht. Als ich begonnen habe – in den 80ern – hattn Frühchen  ab der SSW 28+0 oder maximal in der SSW 26+0  Überlebenschancen. Heutzutage ist es so dass, wenn das Kind in der 22. Schwangerschaftswoche kommt, es als Spätabortus gilt. Ab der SSW 24+0 – und manche Kinder sind da unter einem halben Kilo – kommt der Kinderarzt und übernimmt das Kind und betreut es.

Wie gut stehen da die Überlebenschancen?

Ab und zu kommen welche von diesen Kindern durch, wobei es nicht immer gewiss ist wie sie durchkommen. Ich meine, überleben ist das Eine und behindert überleben ist das Andere. Oft müssen die Kinder mit Blindheit oder Taubheit leben oder sind spastisch oder geistig behindert.

Wie sieht es mit den Frauen aus der Wiener Umgebung aus die aufgrund einer möglichen Frühgeburt oder Problemgeburt zu Ihnen kommen?

Heute weiß man, dass man das Kind bei einer Frühgeburt nicht im Inkubator transportieren soll, weil es eben so klein ist. Da ist es besser, es bleibt an Ort und Stelle (also im Mutterleib) und man macht einen sogenannten intraunterinen Transport. Das heißt, die Mütter mit vorzeitigen Wehen kommen aus Hainburg oder vom Land oder auch von anderen Krankenhäusern (wie zB. vom Kaiser Franz Joseph Spital, die keine Kinderabteilung haben) zu uns. Dadurch haben wir hier natürlich vermehrt komplizierte Schwangerschaftsverläufe, v.a. die Frühgeburtlichkeit und die Gestose (der Hochdruck).

Die Gestose, was ist das genau?

Im Volksmund wird das als “Schwangerschaftsvergiftung” bezeichnet. Das Kind ist eigentlich ein Fremdkörper in der Frau, weil das ja eine Mischung aus männlicher und weiblicher Genetik ist. Normalerweise müsste es abgestoßen werden, aber der Körper hat in der Immunologie ein System, dass das verhindert. Leider gibt es aber Frauen deren Immunsystem das Kind als Fremdkörper abstösst.

Wie kann sich das auf Mutter und Kind auswirken?

Das äußert sich so, dass Frauen eine Fehlgeburt haben oder “wenn die Schwangerschaft weiter vorangeht“ dass deren Körper rebelliert und das äußert sich dann in Hochdruck, in Wassereinlagerungen im Körper – also die Frauen bekommen geschwollene Füße, Hände und Gesicht, alles schwillt an, das Eiweiß wird vermehrt ausgeschieden und auch die Leberwerte steigen. Das kann soweit gehen, dass die Frauen bewusstlos werden und Krämpfe bekommen.

Früher hat man ja nie den Blutdruck gemessen. Da war es so, dass plötzlich eine Schwangere ohnmächtig geworden ist und Krämpfe bekommen hat. Später ist man drauf gekommen, dass der hohe Blutdruck die Ursache dafür  ist. Heutzutage wird der Blutdruck  immer kontrolliert und da  erkennt man die Gefahr schon sehr gut vorher. Bei der Gestose kann es einerseits diese schleichenden Verläufe geben, und andererseits kann es fulminante Verläufe geben die sich von heute auf morgen, sich also sehr sehr schnell, entwickeln.

Das heißt, man kann schon sagen, dass die Gestose vor 50 Jahren schon noch ein sehr großes Problem im Schwangerschaftsverlauf war und heute weniger Frauen Hochdruckprobleme haben die für Mutter und Kind schlimm ausgehen können?

Ja, es sind früher sicher mehr Kinder und auch Frauen daran gestorben, weil man es gar nicht erkannt hat. Obwohl man dazu sagen muss, dass heutzutage auch noch Frauen an Gestose bzw. bei der Geburt sterben. Das kann immer noch passieren.

Welche Risiken bestehen noch heutzutage? Was kann Problemgeburten zugrunde liegen?

Etwas was man überhaupt nicht steuern kann ist eine Fruchtwasserembolie. Dabei kommt Fruchtwasser in den Blutkreislauf und dadurch wird die Blutgerinnung so stark herabgesetzt, dass man verbluten kann. Das sind ganz komplizierte Mechanismen die hier wirken und die man dann leider auch oft nicht mehr stoppen kann.

Was kann man tun, wenn eine Fruchtwasserembolie festgestellt wird?

Wenn eine Frau beispielsweise einen hohen Blutdruck hat, dann kann man ihr ein Blutdruckmittel geben und wenn sie Krämpfe hat, gibt man ihr etwas Krampflösendes. Bei einer Fruchtwasserembolie ist das anders. Da arbeiten die Anästhesisten mit den Gynäkologen zusammen. Es wird eine Narkose gemacht und die Frauen bleiben dann nach so einer Operation manchmal mehrere Tage oder auch Wochen auf der Intensivstation wo sie beatmet werden und der Blutdruck stabilisiert wird. Auf Grund so einer Fruchtwasserembolie  können auch heute noch Frauen  verbluten. Das ist eine ganz  furchtbare Sache die man manchmal nicht verhindern kann. Es kommt nicht oft vor, aber deswegen ist es trotzdem Realität. Ich finde es auch wichtig, dass man als Arzt oder Ärztin darauf hinweist, dass so etwas eintreten kann und nicht so tut, als wäre medizinisch alles machbar.

Haben Sie den Eindruck, dass Risiken verdrängt werden?

Heutzutage wird einem oft suggeriert, dass alles machbar ist: nämlich eine gute Geburt, eine gesunde Mutter, ein gesundes Kind. Es wird aber dabei oft vergessen, dass das immer noch ein Geschenk ist. Teilweise sind die Ärzte auch selber schuld, weil sie so tun als könnte man Missbildungen problemlos operieren und alles wird gut. Es ist aber so, dass das alles nicht so selbstverständlich ist.

Manche Leute kommen und sagen “jetzt hat mein Kind eh schon 500g, jetzt überlebt es sicher”, aber man muss wissen, dass vor allem Frühgeburten noch länger sehr sensibel sind und noch mit Blutdruckschwankungen zu kämpfen haben können. Das A und O für eine gesunde Gehirnentwicklung ist die Durchblutung. Bei einem Frühgeborenen ist ja alles noch sehr zart –  da kann es   passieren, dass ein Gefäß platzt und  sofort eine Gehirnblutung eintritt.

Wie sieht die Betreuung nach einer Frühgeburt aus?

Man behält die frühgeborenen Kinder solange bis sie ca. 2 kg haben, bis sie stabil sind und Nahrung aufnehmen unter ärztlicher Aufsicht. Frühgeborene bekommen ja die Nahrung nicht oral sondern durch  Infusionen. Manche Kinder bleiben aber immer intensivpflichtig. Aber normalerweise, wenn sie nur ein bisschen zu früh sind und wenig wiegen (etwa in der 35. Schwangerschaftswoche kommen) bleiben sie bis sie zunehmen und bis die Nahrungsaufnahme funktioniert auf der Station. Die Dauer des Aufenthaltes ist verschieden –  manche Kinder bleiben Monate bei uns.

Wie lange bleiben die Mutter und das Frühchen nach einem Kaiserschnitt noch auf der Station?

Die Mütter bleiben, wenn sie einen Kaiserschnitt gehabt haben, eine gute Woche auf unserer Station. Wenn das Kind dann noch eine Woche länger bleiben muss, dann kommen sie in ein Mutter-Kind-Zimmer. Wenn die Kinder länger auf der Station bleiben müssen, gehen die Mütter inzwischen nach Hause, pumpen die Milch ab und bringen sie mit wenn sie das Kind besuchen kommen. Kurz vor der Entlassung des Kindes werden die Mütter nochmal aufgenommen, damit sie in den Betreuungsprozess mit einbezogen werden können und lernen wie sie mit dem Kind umgehen.

Die Gestose und die Fruchtwasserembolie sowie die Situation von Frühgeburten sind größere Probleme. Was für kleine Probleme treten oft auf?

Ja, kleine, oft harmlose Probleme gibt es in der Frühschwangerschaft, wenn Frauen eine Schmierblutung haben. Es gibt viele Frauen die in der 7. bis 8. Woche deswegen ganz aufgeregt zu uns kommen. Mir ist es immer ein ganz besonderes Anliegen das publik zu machen, weil viele Schwangere zwar über die Art und Weise wie sie ihr Kind bekommen wollen genau Bescheid wissen, aber diese simplen Sachen nicht wissen. Eine Schmierblutung in der Frühschwangerschaft ist kein Grund, dass man auf der Stelle zum Arzt geht. Das kann zwar eine beginnende Fehlgeburt sein, aber das kann auch  ganz harmlos sein. Da besteht meistens kein Handlungsbedarf. Man soll das schon von seinem Gynäkologen kontrollieren und einen Ultraschall machen lassen. Dann sieht man ob es eine Fehlgeburt ist, oder  ob es sich schön entwickelt. In der Frühschwangerschaft hat man aber eben manchmal eine Schmierblutung. Das ist ähnlich üblich wie die morgendliche Übelkeit.

Neben solchen Schmierblutungen kann auch ein Ziehen in der Frühschwangerschaft auftreten, was harmlos sein kann, aber auch eine Fehlgeburt ankündigen kann. Wenn es tatsächlich zu einer Fehlgeburt kommen sollte, kann man  von Anfang an aber nicht viel machen.

 

Diese kleinen Beschwerden liegen also allgemein im unbedenklichen Bereich?

Ãœbelkeit, Ziehen und Schmerzen sind alles Dinge die auftreten können, die aber in den meisten Fällen kein Grund zur Beunruhigung sind. Wenn man Schmerzen beim Urinieren hat, kann es ein Harnwegsinfekt sein, aber das sind alles nicht Dinge, die man akut bei uns behandeln lassen muss. Manche Frauen kommen um 2 Uhr in der Nacht wegen einer Schmierblutung zu uns ins Krankenhaus. Man soll die Schwangerschaft schon kontrollieren, aber es hat keinen Sinn alle zwei Tage zum Arzt zu gehen.

Ärzte sollten Frauen hingegen darüber informieren, dass starke Bauchschmerzen möglicherweise auf eine Eileiterschwangerschaft zurück zu führen sind. Und dann sollen sie gleich ins Spital kommen.

Glauben Sie das liegt daran, dass die Frauen nicht genug informiert sind? Werden Die Frauen informiert und nehmen diese Information vielleicht aus diversen Gründen nicht gut auf?

Ich weiß nicht, vielleicht wird es ihnen gesagt und sie wollen es nicht wahr haben, weil sie vielleicht ängstlich sind? Ich denke aber auch, dass es nicht notwendig ist sich so intensiv mit seiner Schwangerschaft zu beschäftigen und sich einzig nur mehr darauf zu konzentrieren.  Man  soll  auch  einfach  mit seinem Leben wie gewohnt weiter zu machen und schauen, wie sich das ganze entwickelt.

Ist das ein Phänomen unserer Zeit?

Ja. Früher hat man sich nicht so stark auf sich selber konzentriert. Heute ist das anders. Einerseits konzentriert man sich heute sehr auf sich selber, andererseits weiß man auch wieder nicht so viel. Es wird sehr viel gegoogelt und sich ein Halbwissen verschafft –  was einen zusätzlich noch verunsichern kann. Es gibt dann auch viele Bücher zum Thema. Manchmal denke ich mir, es ist fast besser man geht zu einer Vertrauensperson die einen informiert und man denkt dann nicht mehr zu viel darüber nach. Wenn ich mir ein Haus von einer Firma bauen lasse und mich jedes Mal fragen muss, ob der das wohl richtig macht wird nichts gescheites dabei herauskommen. Man muss   auch Vertrauen haben. Natürlich geht es um den  eigenen Körper, aber es  gibt gewisse Faktoren die einfach nicht so schlimm sind wie sie empfunden werden. Am Anfang glaubt man gleich an etwas Schlimmes, wenn man zB. nicht schlafen kann oder Ähnliches.

Würde ein kurzer Anruf bei Ihnen auf der Station genügen um gewisse Dinge abzuklären?

Ja genau. Erste  Klarheit kann man sich schon mit einem Anruf verschaffen. Natürlich gibt es gewisse Fragen die ich am Telefon nicht beantworten kann. Dann sage ich der Schwangeren, dass sie zu mir kommen soll. Andererseits ist ein Anruf auch problematisch, wenn man bedenkt, dass heutzutage viel geklagt wird.

Viele Frauen haben große Angst vor einem Dammriss bzw. einem Dammschnitt. Wie verfahren Sie in dieser Angelegenheit?

Es ist so, dass der Damm bei jedem Menschen unterschiedlich ist. Der eine hat ein weiches Gewebe, der andere hat eher ein straffes Gewebe und wenn der Kopf des Kindes durchtritt wird von der Hebamme der Dammschutz gemacht. Die hält dann den Damm dagegen. Es ist so wie bei einer Tür – wenn ich da schnell durchrenne mache ich vielleicht etwas kaputt und wenn ich mich langsam durchschleiche dann eher nicht. Heutzutage versucht man nicht zu schneiden.

Wann und warum wird dennoch geschnitten?

Wenn man bemerkt, dass das Gewebe zu straff ist, sodass die Geburt dadurch noch eine Stunde oder länger dauern könnte, dann ist es sinnvoll einen Dammschnitt zu machen. Das kürzt die ganze Prozedur ab. Ein Dammschnitt wird auch eingesetzt, wenn man feststellt, dass es dem Kind nicht gut geht und man nicht warten kann bis sich der Damm langsam millimeterweise dehnt. In dem Fall mache ich auch einen Dammschnitt und drücke mit der Hand von oben.

Ist die Angst vor dem Schmerz beim Dammschnitt berechtigt?

Der Dammschnitt oder Dammschmerz wird im Rahmen der ganzen Geburt eigentlich nicht mehr als so schrecklich wahrgenommen, weil die Wehen langsam immer mehr werden wodurch man einen gewissen Umgang mit dem Schmerz lernt. Man kann außerdem eine Lokalanästhesie geben, die den Schmerz lindert. Wenn die Haut am Damm schon ausgedehnt ist dann spürt man den Schnitt auch gar nicht mehr. Ich kann die Angst verstehen, weil viele Frauen sich nach der Geburt, wenn ihnen da unten alles weh tut, denken, wie soll das je wieder heil werden, aber vor der Geburt ist die Angst unbegründet. Da passiert ja noch nix. Aber es heilt danach alles wieder und unsere Welt wäre ausgestorben, wenn das alles nicht gut funktionieren würde. Die Angst vor dem Dammschnitt kann ich eigentlich gar nicht so nachvollziehen, weil bei einer Geburt alles irgendwann schmerzhaft ist.

Ist es dann eher die Angst vor der Angst?

Ja. Es wird auch untereinander viel erzählt. Jede Frau erlebt ja ihre Geburt anders. Es gibt Frauen die sagen es war herrlich und Frauen die es als schrecklich empfunden haben.

Es gibt Frauen, die sagen das war herrlich und der Schmerz ist mir egal?

Ja genau. Es gibt Frauen die stöhnen nicht einmal. Man wundert sich nur und das hat nicht unbedingt nur etwas mit Beherrschung zu tun, sondern es muss da ein unterschiedliches Schmerzempfinden geben.

Kann man vorbeugend etwas gegen einen Dammriss oder Schwangerschaftsstreifen machen?

Naja, wenn es jemandem ein Bedürfnis ist, Yoga zu machen ist es nicht schlecht. Man kann auch eine Damm-Massage mit machen, wenn man will. Es gibt aber meiner Erfahrung nach keine Garantie dafür, dass der Damm nicht trotzdem reisst. Das kann man schwer sagen. Wenn man als Schwangere aber gerne ein paar Mal am Tag eine Damm-Massage machen möchte um sich besser zu fühlen ist das sicher gut. Manche Frauen mögen das nicht und andere empfinden es als angenehm. Es ist ja im Prinzip wie wenn man sich eincremt. Ähnlich ungewiss ist es bei Schwangerschaftsstreifen. Manche Frauen schmieren wie verrückt und bekommen sie und andere machen nichts und bekommen keine. Wie beim Damm hat es immer mit dem Gewebe zu tun. Ich bin nicht diejenige die sagt wenn man den Damm massiert reißt er nicht, aber wenn es jemand gerne macht und sich gut dabei fühlt ist das in Ordnung. Genauso wie man sich schminkt um sich besser zu fühlen. Wenn eine Frau sagt, dass es ihrem Körper gut tut, bin ich dafür. Ich glaube, das Wichtigste in der Schwangerschaft und während der Geburt ist, dass man mit sich im Einklang ist.

Wie soll man sich innerlich auf die Geburt vorbereiten?

Die Geburt ist eine Extremsituation wo es manchmal nicht so leicht ist, mit sich im Einklang zu sein und eine Situation die manchmal nicht so ist, wie man es sich vorgestellt hat. Mir ist es immer ein wichtiges Anliegen darauf hinzuweisen, dass man nicht unbedingt mit der Vorstellung einer perfekten Geburt bzw. eines ganz bestimmten Geburtsablaufes in die Geburt gehen soll. Es ist oft enttäuschend für Frauen die sich vorgenommen haben zB. in der Wanne oder im Hocken zu entbinden etc. und dann alles doch ganz anders abläuft. Es ist auch eine Situation in der man oft vorher nicht weiß wie man reagiert. Man soll es auf sich zukommen lassen.

Haben Sie das Gefühl, dass sich viele schwangere Frauen selbst unter Leistungsdruck setzen: Der Schwangerschaftsverlauf muss perfekt sein, die Gefühlslage durchgehend glücklich und die Geburt einer bestimmten Idealvorstellung entsprechen?

Ja, in diesem perfekten Ziel sehe ich schon ein Problem vieler Frauen. Es muss perfekt und ganz genau so sein wie man es sich vorstellt. Das beginnt ja schon beim schwanger werden. Heutzutage ist alles selbstbestimmt (vgl. Invitro-Fertilisation) und man kann sich alles richten. In der Schule wie im Beruf: wenn man sich nicht anstrengt dann geht es langsamer, wenn man etwas tut kommt man schneller voran. Die Leute nehmen sich vor, schwanger zu werden und erwarten, dass alles perfekt verläuft. Sie beachten aber oft viele Dinge nicht die mit der Schwangerschaft bzw. einer Geburt einhergehen. Man muss sich immer bewusst sein, dass nicht alles dem eigenen Willen gehorcht! Ich glaube dann tut man sich in vielen Dingen leichter.

Woher kommt diese Erwartungshaltung an die eigene Schwangerschaft bzw. an die eigene Geburt? Glauben Sie, dass Internet-Beiträge über reibungslose und/oder perfekte Geburtsabläufe den Leistungsdruck steigern?

Es hängt sehr davon ab, wer solche Beiträge liest. Ich selbst lese auch diverse Beiträge, stehe manchem dann aber oft auch distanziert gegenüber. Unsere Hebammen arbeiten viel im Internet und müssen manchmal auf arge Fragen von Schwangeren antworten.

Was ich persönlich überhaupt nicht gut finde ist dieses Gurumäßige. Es gibt Ärzte die den Leuten sagen was sie machen und nicht machen sollen. Viele agieren oft sehr bevormundend. Aber es gibt auch Hebammen, meistens eher von der alternativen Seite, die sehr einseitige Ratschläge erteilen, weil Ärzte ihrer Ansicht nach eh blöd sind. Das Verhältnis zwischen Ärzten und Hebammen ist oft heikel – vielleicht heute sogar noch mehr als früher. Auf der einen Seite die Ärzte und auf der anderen die Hebammen. Früher gab es nur die Hebamme – Gynäkologen gab es ja noch nicht. Es gab Chirurgen, die haben das Chirurgische gemacht und die Hebammen haben die Frauen betreut.

Was halten Sie persönlich vom Thema Hausgeburt?

Also ich persönlich finde eine Hausgeburt unverantwortlich, weil in der Geburtshilfe sehr schnell eine wirklich lebensbedrohende Situation eintreten kann. Wenn man es dann nicht schnell in ein Spital schafft, kann man verbluten. Es gibt viele Hausgeburten, die gut ausgehen, aber manchmal kann eben wirklich schnell schief gehen.

Es gibt aber auch die Möglichkeit einer ambulanten Geburt. Die Schwangeren kommen kurz vorher ins Spital, entbinden und fahren ein paar Stunden darauf wieder nach Hause. Das finde ich in Ordnung, aber bei einer Geburt zu Hause kann man im Notfall einfach nichts machen. Bis die Rettung eintrifft dauert es. Es gibt Frauen die versterben bei der Hausgeburt! Dann wiederum gibt es Leute, die ursprünglich keine Hausgeburt wollten und dann ist doch alles anders gekommen, weil es zu schnell gegangen ist. Ich habe das schon erlebt, vor allem bei Mehrgebärenden geht es oft schnell. In einem Fall aber, das war mitten in einer österreichischen Stadt, ist die Frau bei der Geburt zu Hause verblutet!

Geht es da manchmal um Sekunden?

Ja, in der Geburtshilfe kann man sehr schnell sehr viel Blut verlieren. Vor allem nach der Geburt, wenn die Gebärmutter schon draußen ist, verstärkt das Nachlassen der Muskulatur, die Atonie, den Blutfluss. Man kann innerhalb einer halben Stunde verblutet sein! In diesem Fall bräuchte man Medikamente und Blutersatz – eine Versorgung die im Krankenhaus gewährleistet wäre. Ich habe schon erlebt, dass Leute 32 Blutkonserven benötigten!

Bei der Hausgeburt wird immer argumentiert, dass nichts passieren kann, wenn alle Werte normal sind, aber Tatsache ist, dass es selbst bei einer ganz normalen Geburt zu einer Akutsituation kommen kann in der es lebensgefährlich werden kann!

Bei einer normalen Geburt kommen Geburtsbehelfe wie die Geburtszange oder die Vakuumextraktion nicht zum Einsatz. Wie entscheiden Sie über die Auswahl der Behelfe, wenn die Notwendigkeit besteht?

Wir verwenden primär die Vakuumextraktion, weil das schonender für die Mutter ist. Bei der Zange muss ich noch zusätzlich zum Kopf, der in der Scheide steckt, diese Zangenblätter einführen. Der Nachteil des Vakuums ist, dass ich nicht so gut ziehen kann. Es kann sein, dass das Vakuum zu schwach ist, dass sich die Pumpe löst und ich dann nicht ziehen kann. Dann kann es sein, dass ich doch noch einen Kaiserschnitt machen muss.

Wie oft kann man es mit der Vakuumpumpe im Laufe einer Geburt versuchen, wenn es beim ersten Mal nicht klappt?

Das hängt davon ab, wie die Herztöne des Kindes sind. Wenn die Herztöne zu langsam sind, dann kann ich nicht mehrmals ansetzen. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt muss ich in so einem Fall einen Kaiserschnitt machen. Bei der Zange könnte ich besser ziehen, aber es ist nicht einfach über den Geburtsbehelf zu entscheiden. Es sind oft heikle Situationen in denen man sehen muss, ob es geht oder nicht.

Es gibt immer wieder Geburtsabläufe bei denen auch der erfahrenste Arzt gestresst ist. Das ist aber mitunter auch ein Grund warum heutzutage viel früher ein Kaiserschnitt gemacht wird damit man sich gar nicht auf diese Entscheidungsphase einlassen muss. Ich bin trotzdem der Meinung, dass ein Kaiserschnitt immer noch eine Operation ist. Die Bauchhöhle wird geöffnet und die Frauen werden narkotisiert – alles Faktoren die Komplikationen nach sich ziehen können.

Wie häufig kommt es zu einem Kaiserschnitt?

Wir auf unserer Station streben eine Spontangeburt an, doch das kann schwierig werden, wenn eine Frau Schmerzen hat. Wenn man Schmerzen hat, will man sie so schnell wie möglich beenden. Da gibt es viele Frauen die in dieser Situation plötzlich sagen “ich will einen Kaiserschnitt”. Hier ist es oft schwierig gute Überzeugungsarbeit zu leisten und die Gebärende davon zu überzeugen, dass es auch ohne Kaiserschnitt geht. Es passiert auch oft, dass sich die Männer der Frauen einmischen und ihre Frauen verteidigen wollen. Sie sehen ihre Frauen leiden, kommen mit der neuen Situation nicht zurecht, wollen aber trotzdem ihre Frauen beschützen. Die können schon manchmal ziemlich unangenehm werden.

Das einfachste ist natürlich der Kaiserschnitt, aber wenn man es als Arzt absehen kann, dass die Geburt normal voran geht, dann wird in der Regel kein Kaiserschnitt gemacht.

Es gibt auch Frauen die von vornherein sagen sie möchten auf keinen Fall einen Kaiserschnitt und manchmal geht es aber trotzdem nicht anders.Wenn man schon alles versucht hat und die Geburt sich schon 10 bis 12 Stunden hingezogen hat, kann ein Kaiserschnitt eben notwendig werden. Das ist dann traurig für die Mutter, aber es gibt solche Situationen.

Wird die Mutter gefragt, wenn unerwartet ein Kaiserschnitt gemacht werden muss?

Nein. Ich frage sie nicht, sondern ich sage ihr was als nächstes gemacht werden muss. Da geht es ja oft um das Leben des Kindes – teilweise auch um das Leben der Mutter. Die Entscheidung trifft der Arzt.

Wo die Frauen immer mit entscheiden wollen ist, wann sie den Kaiserschnitt bekommen. Bei uns ist es allerdings so, dass grundsätzlich kein Wunschkaiserschnitt gemacht wird. Die Frauen befürchten immer, dass die Scheide nach der Geburt zu weit wird oder wollen keine Schmerzen haben. Man muss bedenken, dass auch die Narbe nach einem Kaiserschnitt nicht so lustig ist. Da ist man ja auch nicht gerade schmerzfrei, während der Schmerz nach einer Spontangeburt eigentlich sehr schnell wieder verflogen ist.

Gibt es viele Frauen die gleich nach einem Kaiserschnitt verlangen?

Ja, aber die kommen nicht zu uns, weil es bekannt ist, dass das bei uns nicht so großzügig gemacht wird. Für den Geburtshelfer ist ein Kaiserschnitt ja im Grunde angenehm: Nach einer Stunde ist alles erledigt, während es bei einer Spontangeburt den ganzen Tag dauern kann. Ich persönlich finde aber eine Sponatangeburt besser.

Haben Sie den Eindruck, dass der allgemeine Wunsch nach einem Kaiserschnitt in den letzten 20 Jahren stärker geworden ist? Gibt es eine Tendenz dahingehend?

Ja, auf alle Fälle. Wir leben in einer Spaßgesellschaft in der immer alles schön und gut sein muss. Die Geburt soll sauber sein, das Kind muss perfekt sein, der eigene Körper muss schön bleiben.

Erst neulich habe ich mit einem Anästhesisten gesprochen der der Meinung war, dass jede Frau das Recht auf einen Kaiserschnitt haben sollte. Natürlich könnte man sagen, dass auch jede Frau hat das Recht auf ihre Nasenkorrektur oder Lippenkorrektur hat, aber diesen Gedanken könnte man endlos weiterstricken.

Stimmt es, dass das Ungeborene den natürlichen Geburtsverlauf für den eigenen Kreislauf braucht?

Wenn ich in der 36. Schwangerschaftswoche einen Kaiserschnitt mache und die Frau noch keine Wehen gehabt hat, habe ich grundsätzlich ein reifes, lebensfähiges und an und für sich gesundes Kind. Dennoch kann es sein, dass es nach einem Kaiserschnitt nicht atmet oder dass es andere Schwierigkeiten hat, weil kein Stimulus, kein Reiz, da war. Wenn die Frau jedoch schon länger Wehen hatte und ich mache dann einen Kaiserschnitt, kann dieser Reiz durchaus ausreichend gewesen sein für das Kind und der Kaiserschnitt stellt hier keine Beeinträchtigung dar.

Auch bei einer Frühgeburt in der 32. Schwangerschaftswoche geht es dem Kind gut, wenn ein Wehenreiz vorhanden war.

Früher war das so, dass man vor dem Kaiserschnitt ein Wehenmittel verabreicht hat damit ein gewisser Reiz für das Kind da ist. Wirklich notwendig ist das aber nicht.

Man liest und hört immer wieder von Schwangeren die sich komplett gegen Schmerzmittel aussprechen. Kann man sagen, dass der Einsatz von schmerzstillenden Mitteln auf Wunsch der Mutter eher einen negativen Status in der Gesellschaft hat? Gilt es als Zeichen schlechter Mutterschaft unter Seditativa zu gebären?

Ja, aber es weiß ja keiner außer einem selbst wie man seine Geburt verbracht hat. Es gibt meiner Meinung nach noch das ganze Leben Gelegenheit sich als schlechte oder gute Mutter zu fühlen! Mit der Geburt fängt ja alles erst an!

Ich habe erlebt, dass Frauen die zuerst gegen Schmerzmittel waren dann, als es soweit war, doch froh waren, dass sie welche bekommen haben. Diejenigen die wirklich kein Schmerzmittel brauchen artikulieren das auch gar nicht so. Ich glaube, das ist wieder diese perfekte Vorstellung zu sagen, dass man keine Schmerzmittel braucht oder nehmen wird.

Gibt es Frauen die keine Schmerzmittel brauchen?

Es gibt allerdings wirklich Frauen die keine Schmerzmittel brauchen. Die Gründe dafür könnten eine höhere Belastbarkeit oder Schmerzgrenze sein, vielleicht aber auch autogenes Training? Manche können im Stehen oder Gehen besser mit dem Schmerz umgehen (vgl. Zilgrei-Methode), andere liegen wiederum nur im Bett und brauchen keine Schmerzmittel.

In den 80er Jahren wurde den Frauen oft zu einer Geburt in der Hocke geraten was natürlich keine Frau stundenlang aushält. Man kann aber schon sagen, dass das Stehen und das Nutzen der Schwerkraft eine Hilfe sein kann.

Wie geht die heutigen Medizin, wie gehen Sie auf Ihrer Station, mit dem Thema postnataler Depression um? Woran und wie erkennt man sie und welche Behandlungsmethoden gibt es?

Das Hauptproblem ist einmal so eine Depression zu erkennen. Frauen liegen bei uns im Durchschnitt 3 bis 4 Tage. Das sind Frauen, die man eigentlich ja nicht kennt. Der sogenannte Baby-Blues setzt meistens am dritten oder vierten Tag nach der Geburt ein und da sind die Frauen durch die hormonelle Umstellung plötzlich sehr emotional, beginnen zu weinen und fühlen sich einfach nicht gut – was im Normalfall schnell wieder vergeht. Ob sich dieser Baby-Blues zu einer postnatalen Depression ausweitet, sehen wir hier auf der Station oft nicht mehr. Es gab einmal eine Erhebung von der Gemeinde Wien wo schon während der Schwangerschaft ein Fragebogen auszufüllen war, wo also eine Erhebung gemacht wurde, um gewisse Risikofaktoren heraus zu filtern. (Anm. Dabei handelt es sich um einen fünf Fragen umfassenden psychiatrischen Anamnesebogen) Manche Frauen werden aber schon während der Schwangerschaft zu Psychologen geschickt. Ein schwieriges Thema.

Bei einer postnatalen Depression ist es wie bei jeder Depression, dass man glaubt, man schafft überhaupt nichts mehr. Das ist eine echte Krankheit die man ernst nehmen muss.

Erzählen Sie doch bitte wie die letzte Geburt die Sie betreut haben verlaufen ist? Wie würden Sie diese Geburt im Nachhinein betrachtet beurteilen?

Es ist ja so, dass ich als Oberärztin erst gerufen werden, wenn es kompliziert wird, außer ich habe eine Privatentbindung. Meine letzte Geburt war gestern, das war ein Kaiserschnitt. Normalerweise machen meine Assistenten die Kaiserschnitte, aber gestern waren es Zwillinge wo es ursprünglich geheißen hat, der zweite Zwilling ist in Beckenendlage. Bei einer Beckenendlage wird heutzutage meistens ein Kaiserschnitt gemacht. Erstens, weil viele Ärzte diese Art der Entbindung nicht mehr machen können und zweitens, weil immer wieder gesagt wird, dass eine natürliche Geburt bei einer Beckenendlage ein größeres Risiko ist. Dieses Risiko will man auch als Arzt nicht eingehen. In diesem Fall hat die Zwillingsmutter sich für den Kaiserschnitt entschieden.

Gibt es eine Geburt die Ihnen noch sehr gut in Erinnerung geblieben ist und Sie ganz besonders berührt hat?

Es gibt so viele schöne Geburten!

Die Aussage einer Hebamme ist mir aber sehr gut in Erinnerung. Schwangere klagen oft sehr viel über ihre Wehen und einmal hat diese Hebamme, eine sehr erfahrene übrigens, zu einer klagenden Schwangeren gemeint “Kommen Sie doch, vergessen Sie mal die Schmerzen und sagen Sie sich statt dessen mit Freude: Heute bekomme ich mein Kind!” Es kommt heutzutage keine mehr und sagt “heute bekomme ich mein Kind!” sondern nur mehr “Oh Gott, ich hab Wehen, um Gottes Willen!”. Die Freude über die Geburt wird nicht mehr so ausgedrückt und der Gang auf die Station ist immer irgendwie negativ besetzt. Wenn die Geburt vorbei ist und alles überstanden ist, dann ist alles wieder positiv.

Mich freut am meisten, wenn die Geburt gut verlaufen ist, wenn die Frauen nach der Geburt zufrieden sind und sich über ihr Kind freuen!

Das Interview führte  Greta Stern

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3 Kommentare

  1. karin Katona on

    ich hatte während der geburt meiner tochter (beckenendlage) einen epileptischen anfall. sie war schon im geburtskanal, es war eine sehr, sehr kritische situation. dr. flores haben wir es zu verdanken, dass mein mädchen durch notkaiserschnitt gesund auf die welt gekommen ist. zehn jahre ist das jetzt her… DANKE!!!

  2. erfahrene frau diese heidrun – über 20 jahre dabei zu helfen kinder auf die welt zu bringen ist schon eine große leistung – das blut an ihren händen ist so sauber wie wasser.

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