Wann ist ein Mann ein guter Vater?

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Wenn er genug Matt Damon Punkte gesammelt hat?

helden

Ein Paar mit zwei kleinen Kindern sitzt auf einer Hotelterrasse, frühstückt und genießt den Ausblick auf die nicht allzu weit entfernten Gipfel der französischen Alpen. Plötzlich löst sich von einem der Berge eine Lawine und rast ins Tal. Der Vater filmt seelenruhig das Naturereignis und beruhigt gleichzeitig seine immer panischer werdenden Kinder. Als die Lawine kurz darauf direkt in Richtung des Hotels rollt, packt ihn allerdings selbst die Angst. Doch statt sich schützend vor Frau und Kinder zu stellen oder eine andere Rettungstat zu ersinnen, nimmt er sein Smartphone vom Tisch – und rennt weg.

Das ist die Schlüsselszene des schwedischen Films „Turist“, der vor kurzem unter dem Titel „Höhere Gewalt“ in Österreichs Kinos anlief und sogar für einen Golden Globe nominiert war. Die Lawine stellt sich letztlich als ungefährlich heraus, allerdings sorgt die egoistische Handlung des Vaters im weiteren Verlauf des Films für eine Familienkrise. Dabei ist die Mutter weniger von der Tat ihres Mannes entsetzt, sondern von seinem uneinsichtigen Umgang damit.

Helden von gestern

Nun kommt es ja im Alltag glücklicherweise eher selten vor, dass wir Väter unsere Kinder vor Natur- oder anderen Gewalten bewahren müssen. Und dass es statistisch belegt ist, dass bei Schiffsunglücken mehr Frauen und Kinder als Männer sterben, spricht auch nicht gerade für einen angeborenen Beschützerinstinkt des starken Geschlechts. Nichtsdestotrotz wird Papa stets als Aufpasser angesehen, als Problemlöser, als der, der in engen und dunklen Gassen immer vorne läuft.

Der große Beschützer hat halt meistens Besseres zu tun

Da er in den meisten Familien zumindest wochentags selten anwesend ist, weil er die meiste Zeit am Arbeitsplatz verbringt, kommt das geradezu einer Heldentat gleich, wenn er am Sonntag mal mit den Kindern auf den Spielplatz geht. Aber macht ihn das gleich zu einem guten Vater? Und wenn nicht, was tut er dann? Muss Papa, wie es der Schauspieler Matt Damon tut, mitten in der Nacht aufstehen und sein Fitnesstraining absolvieren, um morgens Zeit dafür zu haben, die Kleinen persönlich in die Schule zu bringen? Oder genügt es bereits, sich einmal pro Woche für eine halbe Stunde auf den Spielteppich zu setzen und einen Turm aus Holzklötzen zu bauen, der so hoch ist wie sein Kind? Eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein guter Vater haben sollte, ist gar nicht so schwer zu erwerben. Sie lautet: Präsenz. Gemeint ist damit nicht unbedingt die körperliche Anwesenheit, sondern vor allem die mentale. Auch wenn es noch so schwer fällt: Der Tag ist längst nicht beendet, wenn die Wohnungstür am Abend ins Schloss fällt, die Aktentasche in die Ecke fliegt und der Fernseher eingeschaltet ist. Kinder brauchen ihren Papa und wollen ihm die Ereignisse des Tages erzählen, sich aus einem Buch vorlesen lassen oder eine Geschichte hören – eben das, was die Amerikaner so treffend als „quality time“ bezeichnen. Und das bedeutet auch nach einem langen Arbeitstag keinen allzu großen Kraftaufwand.

Sich selber besser kennenlernen

In den drei Jahren, die meine Tochter Lili jetzt alt ist, habe ich zwei Berufsmodelle erlebt: den sehr späten Feierabend im Verlag, den ich vor allem vor Projektfertigstellungen oftmals erst nach 20 Uhr antreten konnte, und als Freiberufler die beinahe permanente Anwesenheit in den eigenen vier Wänden. Dazwischen gab es noch das halbe Jahr, das ich in Karenz verbracht habe und das Lili und mich näher zusammengebracht hat, als es in der Festanstellung je möglich gewesen wäre. Abgesehen davon, dass ich es jedem Vater nur raten kann, zumindest für ein paar Monate die Karriere auf Eis zu legen und nur für sein Kind da zu sein, hat die Auszeit mein Verständnis davon, wie ich als Vater sein will, sehr geprägt. Und auch jetzt, da ich häufig den größten Teil des Tages am Computer verbringe, hole ich Lili regelmäßig vom Kindergarten ab und lege öfter eine Pause ein, um mit ihr zu spielen. Wenn es möglich ist, schreibe ich Artikel dann, wenn sie im Bett ist, und auch das tägliche Joggen habe ich auch den späten Abend verschoben. Wenn mir das keine Punkte auf der Matt-Damon-Väter-Skala einbringt. Kindern ist es herzlich egal, ob ihr Vater tagsüber einen lukrativen Deal abgeschlossen hat oder von seinem Chef vor versammelter Mannschaft zur Schnecke gemacht wurde. Sie wollen ihren Papa, als Kommunikationspartner, als Spielkameraden, als Helfer bei den Hausaufgaben. Denn das klassische Rollenmodell – Mann verdient das Geld, Frau ist für Kinder und Haushalt da – ist längst aufgeweicht und überholt. Und wenn es dem Vater wichtiger ist, seine Karriere mit aller Macht voranzubringen und dabei seine Kinder außer Acht zu lassen, dann hat er nicht nur eine entscheidende gesellschaftliche Entwicklung nicht mitgemacht, sondern ist noch immer im Irrglauben gefangen, sich selbst etwas beweisen zu müssen – und seinem Vater. Denn als Mann eifert man in den allermeisten Fällen seinem alten Herren nach, selbst wenn dies in vielen Fällen nur unter- und somit unbewusst geschieht. Dabei gibt es bei der Interpretation der Vaterrolle kein besseres Vorbild als den eigenen Erzeuger – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Hat man gute Erinnerungen an seine Kindheit, dann reicht das meist aus, um zu wissen, wie man sich seinen eigenen Kindern gegenüber verhalten sollte. Und wenn der eigene Vater kein guter war – sei es in Ermangelung seiner Anwesenheit oder einfach deshalb, weil er seine Sache nicht gut gemacht hat –, dann hat man idealerweise auch daraus gelernt und macht es besser als er.

Soll der Papa eine Autorität sein?

Die Auslegung von Autorität hat sich im Laufe der Generationen gewandelt. Vor nicht allzu langer Zeit war ein Vater dann ein guter, wenn er übermäßig streng war – auch wenn er dadurch unnötig Druck auf seine Kinder ausgeübt hat. Andere Vätertypen empfanden es als hilfreich, ihrem Nachwuchs zur Strafe für vermeintliche Fehler ihre Zuneigung zu entziehen. Diese Erziehungsmethoden wirken nicht umsonst antiquiert. Heutzutage obliegt es einem guten Vater, Fehler seines Kindes zuzulassen und sie zu besprechen, statt pauschal ein Urteil darüber zu fällen. Dazu gehört auch, dass Papa nicht reflexartig schimpft, sondern tröstet und hilft – und damit in kleinen, aber präzisen Schritten den Charakter seines Kindes mit formt. Klar ist: Das Attribut, ein guter Vater zu sein, lässt sich schwerlich an bestimmten Fähigkeiten festmachen. Nur weil ein Mann kein Blut sehen kann und deshalb darauf verzichtet, an der Geburt teilzunehmen, macht ihn das nicht zu einem schlechten Vater. Auch nicht, wenn ihm schnell schwindlig wird und er aus diesem Grund nicht mit einem Karussell fährt. Umgekehrt ist ein Vater nicht dadurch zwangsläufig gut, weil er bei jedem Quatsch, den die Kleinen veranstalten, mitmacht und sämtliche Tätigkeiten mit dem Kind an sich reißt. Das nämlich beraubt die Mutter ihrer Aufgaben und bringt das Gleichgewicht in der Familie durcheinander.

Ein guter Vater sein – auch in Bezug zur Partnerin

Zur Vaterrolle gehört es nämlich nicht nur, sich in seine Kinder hineinzuversetzen, sondern auch in seine Partnerin. Der Lernprozess ist nicht ganz einfach und bedurfte bei meiner Frau und mir einiges an Feinjustierung. Denn was für Kinder das wichtigste überhaupt ist, ist eine Umgebung, in der es sich geliebt fühlt, und zwar von beiden Elternteilen. Dann darf Papa auch mal Fehler machen – (wenn auch nicht unbedingt einen, der das Leben seines Nachwuchses aufs Spiel setzt.)

Alexander Kords

damon

Matt, der heilige Vater, Damon

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